Ein paar Gedanken zur Magnifica Humanitas von Papst Leo über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz.
Kein Buch hatte ich in der Vergangenheit so schnell und mit so viel Interesse gelesen wie das Buch von Papst Leo, „Magnifica Humanitas“. Und ich bin mir nicht sicher, wie oft ich mich beim Lesen immer wieder selbst daran erinnern musste, dass ich gerade das Buch eines Papstes lese – und damit von einem Repräsentanten einer Institution, mit der ich eigentlich nie etwas zu tun hatte. Wenngleich ich mich gerade in den letzten Jahren zunehmend von Perspektiven der Ethik und Moral, aber auch von einer Art der Spiritualität, vor allem von Dietrich Bonhoeffer, angezogen und fasziniert fühlte, standen Oberhäupter der Kirche nicht auf meiner Leseliste.
Es ist an dieser Stelle müßig, jetzt über Kirche zu sprechen: von der Institution, von den Missbrauchsvorwürfen, die natürlich schockieren, bis zu weitaus grundlegenderen Kritiken der Kirche als einer der Verursacher eines kapitalistischen Wirtschaftssystems beziehungsweise irgendwie Verursacher der protestantischen Ethik – auch wenn der Papst, strenger genommen, als Katholik eigentlich nicht gemeint sein kann. Um es kurz zu machen: Kirche ist ein „Triggerwort“. I got it. Da können persönliche Erlebnisse, eigene traumatische Erfahrungen, vielleicht aber auch einfach die Ablehnung dieser Institution und des ganzen pompösen, längst entrückten Apparats als Grund dienen. Was wir glauben, wie wir glauben, ob wir überhaupt etwas glauben – und wenn wir es dann tun, dafür gibt es keine Notwendigkeit einer Vereinsmitgliedschaft.
Für mich ging es bei diesem Buch um etwas ganz anderes. Zunächst gab es ein Bild, das mich sehr berührt hat: Der Papst steht auf der Insel Lampedusa in Italien, an einem Ort, an dem geflüchtete Gestrandete gelandet sind und, vor allem im Sommer, täglich weiter ankommen. Ein symbolischer Ort, der für die vielen ertrunkenen Menschen im Mittelmeer steht. Der Papst steht an diesem Ort zu einem Zeitpunkt, an dem der amerikanische Präsident die 250-Jahr-Feier Amerikas mit einem Cage Fight und anderem düsteren Brimborium aufführt. Das Oberhaupt einer Institution erhebt aber nicht nur in dieser Geste Anspruch, ein moralisches Gegengewicht zu präsentieren und Position zu beziehen, das schon vor der Veröffentlichung des Buches: zu allen militärischen Konflikten, mit klaren Aussagen zu völkerrechtswidrigen Angriffen, zu der immer deutlicher und brutaler werdenden Auseinandersetzung und dem Krieg in Nahost.
Das mag alles Opportunismus sein, Heuchelei. Aber auf einer globalen Landkarte, auf der andererseits ganz andere Kräfte gerade versuchen, eine viel brutalere, entmenschlichendere Ideologie zu verbreiten, gibt es da zumindest ein Dagegen, das mehr ist als hehre Verkündung.
Mit „Magnifica humanitas“ schreibt der Papst eine Enzyklika über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz, die wie eine Art Verteidigungsschrift einer viel grundsätzlicheren Position zu sein scheint: Kann ein Mensch reduziert werden auf eine hochkomplexe Maschine?
Auf der einen Seite das Streben nach menschlicher Autonomie, gleichzeitig die Digitalisierung durch KI und Robotik, welche nicht neutral ist, das Leben durchdringt – geleitet von internationalen Konzernen, nicht von Regierungs- oder öffentlichen Institutionen wohlgemerkt, sondern von Privatpersonen, die eigene Interessen verfolgen, aktuell Bücher kaufen, einscannen und vernichten, um das kollektive Weltwissen in aufbereiteten Informationsmatsch zu zerreiben, mit dem die Maschine gefüttert wird und über sich hinauswächst.
Zwei Visionen stehen sich gegenüber. Auf der einen Seite das Projekt Babel – so genannt, weil es hier um ein Projekt geht, das in seiner Struktur zentralistisch und uniformiert ganz dem Gedanken gewidmet ist, dass die menschliche Zivilisation sich selbst und den Himmel erreichen kann: durch Leistung, durch Ausschluss derjenigen, die nicht leisten können. Schlussendlich ist der Mensch hier eine Art Ressource, die optimierbar bleibt und im großen Turm eingemauert wird.
Auf der anderen Seite der Wiederaufbau der Mauern der Stadt Jerusalem und eine Geschichte, in welcher nach der Zerstörung der Stadt alle Menschen aufgerufen werden, die Stadtmauern wieder aufzubauen: jede Familie, jede Gruppe mit eigener Stimme und eigenem Potenzial im Sinne eines Gemeinwohls. Ein Gefüge, welches an den Prinzipien der Gemeinschaft, des Dialogs und, noch einmal, dem Gemeinwohl orientiert ist. Im Mittelpunkt der Mensch, ausgestattet mit der moralischen, der existenziellen und der gesellschaftlichen Würde und der Möglichkeit, Teil einer Gemeinschaft zu sein, welche Raum für Menschsein eröffnet und gleichzeitig das Ganze im Blick behält.
Und damit kommt der Papst auch zum Kern der Schrift. Denn das oben Genannte bezieht sich ganz entschieden auch auf KI als Produkt erarbeiteter Leistung der Gesellschaft – und ist daher dem Gemeinwohl zur Verfügung zu stellen, statt von Partikularinteressen einer kleinen Gruppe kontrolliert zu werden.
„Daten sind das Ergebnis der Beiträge vieler und dürfen nicht an einige Wenige verkauft oder ihnen überlassen werden. Es bedarf einer Kreativität, die imstande ist, sie als ein gemeinsames oder kollektives Gut zu verwalten …“
Weiter formuliert der Papst in der sogenannten allgemeinen Bestimmung der Güter den Grundsatz, dass auch künstliche Intelligenz eine Art Gut ist, welches mit Algorithmen, Daten und über Plattformen funktioniert und somit auch neue Eigentumsformen erzeugen kann. Das Prinzip der Subsidiarität erachtet der Papst als besonders wichtig, denn es besagt, dass Entscheidungen nicht von undurchsichtigen Strukturen und Plattformen monopolisiert werden dürfen, sondern immer die Gemeinschaft einbeziehen müssen. Schließlich geht es darum, Abhängigkeiten anzuerkennen; dass soziale Aspekte künstlicher Intelligenz wie Umweltverschmutzung, aber auch neue Formen von Arbeitsausbeutung immer mitgedacht werden müssen, KI zudem keine Vorurteile automatisieren und soziale Spannungen verstärken darf. Das alles stark komprimiert dargestellt.
Wirklich interessant wird es für mich, wenn zum Kern der Auseinandersetzung vorgedrungen wird.
„Für einen Algorithmus ist ein Fehler etwas, das korrigiert werden muss; für einen Menschen kann er der Beginn einer tiefgreifenden Veränderung sein.“
Weiter:
„Alles, was als ‚Begrenztheit‘ erscheint – Unfähigkeit, Krankheit, Alter, Leiden, Verletzlichkeit –, wird normalerweise erst einmal als ein zu behebender Mangel angesehen und nicht als ein Umstand, durch den der Mensch reift und sich für Beziehungen öffnet. Doch wir müssen daran denken, dass der Mensch nicht trotz seiner Begrenztheit, sondern oft gerade durch seine Begrenztheit zur Entfaltung gelangt. Ein Blick auf die Wirklichkeit im Licht des Glaubens hilft uns, das zu erkennen, was wir die ‚Kontingenz‘ der Dinge dieser Welt nennen. Wenn es auch einerseits unsere Pflicht ist, zu versuchen, das Leiden zu beseitigen, das das menschliche Leben zeichnet, so ist es andererseits doch weise, unsere konstitutive Endlichkeit anzuerkennen …“
Anders als eine KI besitzt der Mensch etwas Besonderes: einen Leib. Diese Unterscheidung, die auch mein Freund Ronald Engert in seinem Buch „Subjektivität und Welt“ auf sehr ausführliche Art und Weise beschreibt, ist wichtig, denn der Leib ist mehr als eine rein physikalische Beschreibung von Funktionen und Organen. Einen Leib zu haben ist etwas spezifisch Menschliches – oder: etwas Lebendiges. Gerade die Erfahrung des Leibes bedeutet eine Erfahrung der Grenzen. Weil der Mensch verletzlich ist, unterscheidet uns diese Erfahrung von den sogenannten „Halluzinationen“ einer Maschine.
Könnte KI nicht ab einem bestimmten Punkt so etwas wie ein Gewissen entwickeln? Nein, weil der Mensch ein Wesen ist, das Entscheidungen treffen kann und muss, die im Zweifel dramatisch sind; nur ein Mensch kann in der Lage sein, ein schweres Gewissen zu tragen und die Last von schweren moralischen Entscheidungen zu spüren.
„Einem Algorithmus konkret die Macht zu übertragen, zu bestimmen, wem etwas zusteht und wem nicht, ohne dass noch jemand die Last der Entscheidung trägt, bedeutet, ihm die Aufgabe zu übertragen, die Grenzen menschlicher Möglichkeiten neu zu definieren. Was in diesem Prozess verloren geht, ist nicht nur das Mitgefühl für den Ausgeschlossenen, das künstlich nachgeahmt werden kann, sondern auch die politische Verantwortung, denn die Ausgrenzung der Schwachen wird mit Neutralität und Objektivität ummantelt, gegen die man nicht protestieren kann. So wird Ungerechtigkeit lautlos, und Mitgefühl, Barmherzigkeit und Vergebung – nicht als bloße Fassade, sondern als politische Gesten – verschwinden von der Bildfläche.“
Am Ende jedes Konfliktes muss die Versöhnung stehen. Ohne Versöhnung, ohne Vergeben – weder naiv noch leichtfertig, sondern als ein langer Prozess, dialogisch begleitet – kann kein dauerhafter Frieden entstehen.
„Gerechtigkeit betrifft jedoch nicht nur das Verhalten des Einzelnen, sondern auch die Weise, wie die Strukturen des Zusammenlebens konzipiert und organisiert sind. Das Zweite Vatikanische Konzil erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass jede Institution dazu berufen ist, dem Menschen und seiner Würde zu dienen. Soziale Gerechtigkeit erkennt man also an der Fähigkeit einer gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Ordnung, allen – und insbesondere den Schwächsten – ein wahrhaft menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, ohne dass jemand zurückgelassen wird.“
Bei den „Letzten“ ansetzen und sich an ihren Schicksalen orientieren. Fast schon eine Art Programmatik, die als links bezeichnet werden könnte? Der Papst definiert christlichen Glauben jedenfalls nicht als Theorie, die im stillen Kämmerlein ausgebrütet wird, sondern als aktive Beziehung unter Menschen, auch unter sogenannten „Nichtgläubigen“ und Menschen anderer Konfessionen – als Glauben, der in Gemeinschaft lebendig wird, im Tätigsein, und in dem Geschwisterlichkeit ein konkreter Maßstab für die Beziehung zu Gott wird.
Weiterhin schreibt er:
„Die Spiritualität, die ich vermitteln möchte, ist die des weisen Baumeisters, der sich, beseelt von der Hoffnung des Reiches Gottes, dafür einsetzt, die Welt im Guten aufzubauen. Am Ende dieses Weges wird der Entwurf einer Zivilisation der Liebe deutlicher erkennbar, und die Baustelle scheint bereits eröffnet zu sein, vor allem dank der vielen lebendigen Steine, die fest mit Christus, dem Eckstein, verbunden sind. Wir sind dazu aufgerufen, bei diesem Unterfangen eine aktive Rolle zu übernehmen, ohne uns in Spiritualismus oder in unsere kleinen Welten zu flüchten. Wir müssen der Wahrheit treu bleiben, in Bildung investieren, Beziehungen pflegen sowie die Gerechtigkeit und den Frieden lieben.“
Zum Schluss: Der Papst ist ein katholischer Papst. Er spricht von Mann und Frau, er spricht immer wieder von Jesus, von Gott in der christlichen Theologie, und kann natürlich nur begrenzt angenommen werden mit seinen für viele vielleicht altertümlichen, rückständigen und prinzipiell katholischen Grundsätzen, von denen er so wenig abweichen wird wie von seiner Kleiderordnung. Man muss ihm anerkennen, dass er das Oberhaupt einer Kirche ist, die sich auf höchster globaler politischer Ebene bis zu den Armenvierteln öffentlich positioniert – auch in Form der vielen anderen Geistlichen, die sich bei Einsätzen der Einwanderungsbehörde in Amerika vor Migranten gestellt haben.
Als ich im letzten Jahr die Danziger Werft besuchte, um mich mit der Geschichte der Solidarność-Bewegung zu beschäftigen, wurde mir deutlich, wie wichtig die Rolle nicht nur des damaligen Papstes, sondern vor allem von Geistlichen wie dem polnischen Pfarrer Jerzy Popiełuszko war, welcher sich auf die Seite der Arbeiter stellte und später vom polnischen Geheimdienst auf brutalste Art und Weise entstellt und mit Steinen an den Füßen in die Weichsel geworfen wurde. Bis zum Schluss wich er nicht von seinen Grundüberzeugungen ab. Ohne seinen öffentlich bekundeten moralischen Rückhalt für die Menschen auf der Straße wäre die Wucht der Umwälzung möglicherweise weniger stark gewesen – und wer weiß, wie die Welt heute aussehen würde.
Das soll keine Verherrlichung von Märtyrertum sein, so viel würde kein Papst verlangen, wohl eher das beständige Bohren dicker Bretter.
Für mich hat er mit diesem Buch einen kleinen Pfeiler in den Boden gestoßen, mit einem großen Stoppschild – und ich denke, es passt für mich, mich dahinter zu positionieren: Der Mensch kann nicht auf Prozesse reduziert werden, gerade sein Zweifeln und Hadern macht ihn aus. Könnte sich eine KI dazu hinreißen lassen? Eher nicht.
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