1996/2026

Vom Widerstand von innen und einem konstanten Selbstgespräch zwischen mir als 52-Jährigem und einem jugendlichen 22-Jährigen, der gerade dabei ist, für sich eine kleine Welt zu erobern.

Mit 22 Jahren hatte ich eine spannende/schwierige/abenteuerliche Zeit. Und vieles, was ich in den letzten Jahren reflektiert habe, auch die Idee mit dem Buch und andere Aspekte meines beruflichen Lebens, hat viel mit dieser Zeit zu tun, als ich in meinen 20ern gerade erlebte, was es heißt, beflügelt zu werden. Dafür musste ich wenig tun, denn ich hatte um mich herum Input mit Auftriebspotenzial, das sich gar nicht anders beschreiben lässt als eine Flugzeugturbine von unten, die mich – wie die Räuberleiter auf meinem ersten Hardcorekonzert 1989 bei Youth of Today – ständig nach oben katapultierte. Es war die Zeit, in der ich merkte, dass wichtige Dinge passierten und sich vieles nicht gut, sondern eher relevant und entscheidend anfühlte. Enttäuschung in Texten, die ich damals mit einer Band das erste Mal wirklich kanalisieren konnte – immer wie ein Grundboden aus Material für eine Haltung zum Leben, eine Art von innerem Widerstand, der damit einherging. Der Turbinenauftrieb brauchte das Angepisste, Unzufriedene.

Es musste sich nichts gut anfühlen. Viel wichtiger war es, dass das, was man gefühlt hat, irgendwie artikuliert wurde. Irgendwas mit spätpubertären Endzeitgedanken und dem absurden Theater, das mir damals im englischen Seminar genau im ersten Semester der Professor vor die Füße knallte: Samuel Beckett, Endgame. Später die Dystopien von George Orwell und Aldous Huxley, mit nachhaltigem Eindruck und sogar einer Brücke zum Spirituellen. Die Entfremdung und das Unmenschliche, was in der Abstumpfung als Gefahr lauert, galt es zu erkennen und irgendwie zu artikulieren. Vieles, was mir vor die Füße geworfen wurde, passte doch zusammen.

Unser Gitarrist, weit weg von Krawall, musste sich 1996 in Hannover wegen seiner scheiß blauen Haare von Rentnern beschimpfen lassen – in der aufgeheizten Stimmung, als ein Großaufgebot der Polizei neue Chaostage verhindern sollte. Die inneren Chaostage hörten nach dem Sommer im besagten Jahr nicht auf – es ging erst richtig los. Touren, Veröffentlichungen, Schlafsack ausrollen und mal in der Bretterbude, mal im Palast pennen, und ab geht’s, alles rausschreien und am nächsten Wochenende das Gleiche.

1998 waren wir wieder im Studio und nahmen ein Album auf, dessen Titel – die Idee dazu hatte ich – sich vielleicht auch ein wenig aus diesen Jahren erklären lässt: Words vs. Nothing. Wir machten keine Gefangenen. Die ersten Sätze auf der Platte stammten aus einer Vorlesung von Harikesa Swami, damals eine wichtige Figur in der Hare-Krishna-Bewegung: „Du willst wissen, was sicher ist? Die Todesrate liegt nach wie vor bei 100 %. Versuch dich zu verstecken, unter dem Bett, unter dem Tisch – es nützt alles nichts.“ Abgefressen zu sein gehörte für mich dazu: keine Illusionen und trotzdem klar im Denken.

Heute? Muss sich viel gut anfühlen, und das birgt die Gefahr der Enttäuschung, denn wer nicht mitlacht, der wird ausgestoßen. Das klingt scharfzüngig, aber Hardcore reimt sich für mich immer noch auf Abrechnung und inneren Widerstand. Die Maya, die Illusion, die verborgenen Strukturen in den Medien, Reality- und Liveshows, das komplexe Gewebe, das sich um einen herumspannt und in dem die Stimmung und das Sprechen wichtiger werden als die Inhalte, um die es eigentlich geht – all das ist weiter Feind.

Wo sind wir gelandet? Die Erklärungsversuche in Debatten für frustriertes Verhalten, welches entschuldigt wird, sind gerade genau das, was man auch nehmen könnte, um Menschen als Reiz-Reaktions-Apparate zu beschreiben. Die Scham ist keine Sünde, aber die Unfähigkeit dazu sehr gefährlich. Wer sich nicht schämt, wer nicht mehr rot werden kann für das, was er anderen antut, der wird irgendwann zu einem Unmenschen.

Für mich war die Frustration Drive und ist es heute noch. Ich verweigere mich innerlich immer noch gegen Dinge, die mich anpissen. Ich bin weiter derjenige Typ, der versucht, etwas anzufangen und es zu erhalten, der aber da, wo die Brücke morsch ist, Dinge auch ziehen lässt.

1996 veröffentlichte meine Band Veil das erste Album, in diesem Jahr kam nach 30 Jahren das Rerelease, und es war spannend, in den letzten Tagen zu sehen, wie viele Menschen immer noch etwas damit verbinden können, immer noch eine innere Verbindung spüren. Hardcore war der Grundstein. Die Platte wie meine Art Manifest. Every day I try again to put something against.

Heute heißt put something against – was genau? Auf jeden Fall bedeutet es was, und es muss jeden Tag wieder gefüllt werden. Aber es geht nicht mehr nur darum, etwas dagegenzusetzen, sondern auch darum, mich jeden Tag für etwas zu entscheiden. Und der 22-Jährige spricht in letzter Zeit wieder öfter in diesem Ton zu mir, als ich zu ihm spreche.

Heute muss sich für mich, wie gesagt, nicht mehr alles gut anfühlen. Und in der Dystopie und im Erkennen dessen, was Leute zu Ende gedacht als Glück verkaufen, im Grunde genommen dann aber als Ketten anbieten, liegt der Bereich, in dem ich mich jeden Tag entscheiden muss, die Augen aufzulassen und die Tricks zu erkennen. Beschissen. Okay so.