Für viele junge Menschen, die gerade frisch von der Universität kommen oder ihre Ausbildung abgeschlossen haben, scheint folgende Erfahrung nicht nur eine Ausnahme, sondern fast schon die Regel zu sein: Du schreibst 30 bis 40 Bewerbungen und bekommst keine Rückmeldung. Oder vielleicht zwei, drei Rückmeldungen, vielleicht auch eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch, auf das du dann wiederum keine Reaktion bekommst. Top ausgebildet, motiviert, voller Lust, endlich durchzustarten – und dann geghostet zu werden.
In der Welt der Automatisierungen folgt auf eine KI-Bewerbung eine KI-Rückmeldung, und am Ende wird wohl niemand irgendetwas gelesen haben, geschweige denn wirklich Notiz davon genommen haben. Komische neue Arbeitswelt ist das. Da stehst du nun vor diesem riesengroßen Blob namens Arbeitswelt und versuchst, irgendwo den Türgriff zu finden.
Neben deinen Bewerbungsschreiben und der Mühe, diesen Blob überhaupt zu greifen, geht es aber auch darum, die Zeit und Energie, die du gerade als junger Mensch JETZT hast, für andere Dinge zu nutzen. Den Blob musst du nicht vernachlässigen, aber du kannst ihn auch an anderer Stelle bearbeiten.
Was meine ich konkret?
In meinem DIY-Survival-Kit beschreibe ich im dritten Kapitel die Idee, dass die Welt wie eine Art Werkstatt ist. Da gibt es Räume und Materialien, die wir bearbeiten, transformieren und nutzen können, um etwas zu bauen. Auch wenn zunächst nichts dabei herausspringt. Der „Nutzen“ entfaltet sich oft erst später.
Als ich vor vielen Jahren einen großen Umzug wagte und von Hannover nach Düsseldorf zog, sah es an meiner Jobfront ebenfalls düster aus. Keine wirklich passenden Stellen, alles kompliziert und insgesamt wenig Möglichkeiten. Mit einem Radiovolontariat in der Hand und jeder Menge Erfahrung dachte ich eigentlich, der Anschluss müsste schnell gelingen. Das war aber nicht so. Ich musste bei null anfangen und hatte keinerlei Netzwerk. Ich hatte allerdings noch meine Band, in der ich weiter als Sänger aktiv war. Und Bands brauchen Merchandise.
Also dachte ich mir: Dann lerne ich eben Siebdruck und stelle die Sachen selbst her. Ein Anfänger-Set wurde bestellt, und ich begann, zu Hause meine Zeit damit zu verbringen, Siebdruck zu lernen. Ich beschichtete und belichtete die ersten Siebe, verkackte es, fing wieder von vorne an und verbrachte teilweise ganze Tage damit, wirklich jeden einzelnen Handgriff zu lernen. Irgendwann begann ich dann, die ersten T-Shirts zu bedrucken. Ich bastelte mir ein paar Vorlagen, kaufte günstig Shirts ein und entwarf eine kleine Kollektion. Es ging dabei nicht in erster Linie darum, sofort Geld zu verdienen, sondern einfach auszuprobieren, was passiert, wenn ich es selber mache. Meine Bandmates freuten sich über die selbstgedruckten Shirts, und ich war happy. Wenn schon gerade nichts funktioniert, dann wenigstens das hier.
Aus diesem Hobby wurde später sogar eine kleine Anstellung bei einem Siebdruckversand in Duisburg, wo ich anfing, Schulungen anzubieten und Seminare für Siebdruck-Enthusiast:innen zu entwickeln. Dieses Hobby wurde zwar keine klassische „Berufserfahrung“, aber es füllte eine Leerstelle. Bis ich schließlich auch eine Stelle in einem Jugendzentrum in Essen bekam, wo ich genau solche Kreativ-Workshops anbieten konnte. Um es in der Sprache von Personalabteilungen zu formulieren: Ich habe mein Portfolio erweitert. Viel wichtiger war aber, dass mir das Ganze in einer Zeit der Unsicherheit ein Stück Selbstwirksamkeit zurückgab – also das Gefühl, dass ich etwas kann, auch wenn es den Blob namens Arbeitswelt zunächst nicht interessierte. Wobei er sich am Ende ja doch dafür interessierte: Beim Siebdruckversand bekam ich sogar das Angebot für eine feste Stelle.
Der Kern der Geschichte ist folgender: Es ist sinnvoll, die Zeit mit Dingen zu nutzen, die dir Freude machen, die aber gleichzeitig etwas mit Kreativität, Arbeit und Lernen zu tun haben. Dinge, die deine „Skills“ schärfen – also das eigentliche Handwerkszeug, mit dem du in diese Welt katapultiert wurdest: deinen Körper, deine Hände und deine geistigen Fähigkeiten.
Der Trick besteht darin, nicht permanent an Verwertbarkeit zu denken und trotzdem prozess- und ergebnisorientiert zu arbeiten, ohne dabei perfekt werden zu müssen. Eher sollte das Ganze nach dem Prinzip des Beginner’s Mind – ein Konzept, das ich ebenfalls in meinem Buch vorstelle – immer wieder als eine Art Übung verstanden werden. Gerade in Leerlaufzeiten sind Routinen wichtig, und produktive, kreative Routinen können später, wenn du wieder in eine Lohnarbeit einsteigst, von großem Vorteil sein. Ich hasse es zwar, das als etwas zu betrachten, das man später in Bewerbungsgesprächen „verkaufen“ kann, aber tatsächlich würde ich genau dazu ermutigen.
Ich habe in Bewerbungsgesprächen immer ohne Selbstzweifel erklärt, warum mir Musik wichtig war, wenn ich darauf angesprochen wurde, weil man mich irgendwo gegoogelt hatte. Ich habe mich nie dafür geschämt.
Es ist wichtig, dich abseits von Arbeitswelt und Arbeitsleben, von Studium, Abschlüssen und Arbeitszeugnissen mit Dingen zu beschäftigen, die dir wirklich etwas bedeuten. Denn genau diese Dinge machen dich letztlich als Person aus. Und sie sind auch das – jetzt kommt wieder ein Wort, das ich eigentlich vermeiden möchte, das hier aber trotzdem Sinn ergibt – „Kapital“, das du mitbringst, wenn du in einen Job einsteigst.
Deshalb ist gerade jetzt mein Appell an junge Menschen, sich neben den Bewerbungsbemühungen – die natürlich wichtig sind – Zeit für Dinge zu nehmen, die nicht nur aus Chillen bestehen, sondern bei denen du etwas lernst. Und übrigens: Auch bei Bewerbungen sind Routinen sinnvoll. Nicht 70 Bewerbungen am Stück schreiben und völlig ausbrennen, sondern eher sportlich und gleichzeitig ressourcenorientiert an die Sache herangehen.
Im Grunde tun wir unser ganzes Leben lang nichts anderes, als mit dem Material, das wir bekommen, etwas zu machen und dabei zu lernen. Lohnarbeit – also das, wofür du Geld bekommst – bedeutet letztlich nur, dass du mit deinem Baukasten an einen Ort kommst, an dem du genau das einsetzt, was du zuvor erworben hast.
Universitäten, Schulen und Ausbildungsstätten vermitteln dir die Grundlagen dafür. Am Ende lässt sich aber nichts vollständig darauf reduzieren. Fachliche Kompetenzen bedeuten nicht nur die Fähigkeit, Prozesse auszuführen oder Systeme zu bedienen, sondern auch die Fähigkeit, kreativ zu sein und um die Ecke zu denken.
Gerade diese Kompetenzen werden in der modernen Arbeitswelt zunehmend wichtiger. Bewerten, einschätzen und abwägen zu können, ist neben der Umsetzung konkreter Arbeitsaufträge ebenso entscheidend. Und all das lernst du eben auch, wenn du dich in Projekte hineinstürzt, Dinge ausprobierst und scheiterst. Apropos: Scheitern ist übrigens eine unterschätzte, aber unglaublich wichtige Erfahrung. Denn oft lernen wir erst dadurch zu verstehen, wo wir eigentlich hinwollen.
Mein Rat an dich ist also in dieser weirden Zeit: Überlege dir Routinen für Phasen der Arbeitslosigkeit und starte Projekte. Vielleicht ein Schreibprojekt. Vielleicht ein kleines Programmierprojekt. Vielleicht eine Website, die du kostenlos aufsetzt. Vielleicht ein Blog, den du regelmäßig schreibst, in dem du Tipps gibst oder dich mit Themen beschäftigst, die dich interessieren, und anderen davon erzählst.
Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit, ehrenamtlich, mit Freund:innen oder einfach alleine handwerkliche Dinge zu bauen, zu konstruieren oder kreativ zu arbeiten. Das Internet ist mittlerweile voll mit Anleitungen zu DIY-Arbeitsschritten und allen möglichen Themen. Nutze die Zeit deshalb produktiv, ohne dabei dieser reinen Zweckorientierung zu verfallen.
Es muss nicht immer sofort Geld damit verdient werden. Wichtig ist, dass du an diesen Prozessen wächst.
Do It Yourself.