Ein Essay über ein Schulfach, dass sich eigentlich nicht unterrichten lässt.
Ich stehe in einem Klassenzimmer, ich habe eine Camouflage Hose an und trage eine schwarze Jeansjacke, und ich laufe schreiend raus. Das Fach Glück soll eingeführt werden, und der Bauch weiß mehr, als die Nase bereits zu riechen ahnt. Ich weiß nur, dass ich mich umdrehe, hinaustrenne und leise fuckyoufuckyoufuckyoueuerGlück sage. Vermutlich würde es mir genauso gehen. Vielleicht auch nicht. Das Glück und ich. Reflex und mein Versuch, ihn zu rechtfertigen.
Der Anlass für diese Reflexion ist die Idee, dass ein Fach mit der Bezeichnung Glück unterrichtet wird. Das las ich vor kurzem und kniete mich in das Thema hinein. Was will das Glück in der Schule als Fach, was verspricht es, und wo stellt es sich selbst eine Falle? Das soll Bewegung und Richtung dieses Textes bestimmen.
Zunächst: Im Schulfach Glück geht es darum, Selbstkompetenz zu vermitteln und diese im Rahmen einer schrittweisen Erarbeitung unterschiedlicher Kompetenzen erlebbar zu machen, indem durch verschiedene Module die Fähigkeit zum Visionieren, zum Entscheidungstreffen, zum Umsetzen von Vorhaben und schließlich zur inneren Reflexion vermittelt wird. Als maßgeblicher Kopf der Idee wird Professor Ernst Fritz-Schubert genannt, der das Konzept 2007 an der Willy-Hellpach-Schule eingeführt, als modularisiertes Curriculum ausformuliert und mittlerweile an über 200 Schulen etabliert hat. Als Grundlage führt er wissenschaftliche Ergebnisse aus der Salutogenese, der Resilienzforschung sowie der positiven Psychologie an und beruft sich an vielen Stellen auf Viktor Frankls Logotherapie.
Schubert ist damit kein naiver Jünger der positiven Psychologie, denn er positioniert sich ausdrücklich gegen die funktionalisierte Bildung, gegen Verwertung, gegen OECD- und PISA-Metrik. Es geht ihm immer wieder darum — und aus meiner Sicht treten hier Frankls Kernideen in den Vordergrund —, Sinn und Werte zu vermitteln, vor allem keine egoistische Selbstverwirklichung, sondern die Realisierung von Werten, die über das eigene Ich hinausgehen. Dabei ist klar, dass Frankl den Grundgedanken, dass Sinn entscheidend ist, ausdrücklich unterstützt — und damit auf einer tieferen Ebene auch die funktionalisierte und operationalisierte Form des Unterrichts ablehnt, die nur an Ergebnisse geknüpft ist und die Menschen zu reinen Lieferanten von Leistungen macht.
An dieser Stelle wird es für mich spannend. Denn obwohl das Konzept des Glücksfachs im Wesentlichen die Idee verfolgt, dass Schule ein Ort werden sollte, an dem die Potenziale aller jungen Menschen entfaltet werden, würde ich behaupten: Frankl würde vermutlich radikal widersprechen, dass Glück überhaupt ein Fach sein könnte. Dazu muss man verstehen, dass Viktor Frankl im Kern von zwei Voraussetzungen ausgeht, um überhaupt so etwas wie Glück zu erlangen.
Erstens die Tatsache, dass wir uns von der inneren Intention abwenden müssen, Glück erhalten oder erreichen zu wollen. Frankls Konzept geht von der Hyperintention aus — der Hyper-Absicht, etwas erreichen zu müssen, das Glück somit wie ein Endziel zu betrachten — und sieht in ihr eine Art Mechanismus, warum wir Glück eben nicht erleben können. Nach Frankl ist Glück etwas, das sich einstellt, wenn wir uns selbst vergessen und in der Tätigkeit mit anderen Menschen oder einer höheren Aufgabe in Verbindung treten. Der forcierten Absicht, in einem Schulfach so etwas wie das Lernziel Wohlbefinden festzuhalten, würde Frankl vermutlich schon deshalb widersprechen.
Und noch radikaler gedacht: paradoxerweise kann Glück auch in ausweglosen Situationen entstehen. Gerade in seiner Biografie wird das deutlich: Trotz der widrigsten Zustände im Konzentrationslager empfindet er in dramatischen Momenten innere Resonanz mit sich und seinem Wesen und hier eine viel fundamentalere Verbindung mit Sinn, innerer Freiheit und Selbsttranszendenz, die jenseits von Wohlbefinden liegt. Frankl machte seine Erfahrung schließlich in einer absoluten Grenzsituation — was nicht bedeutet, dass wir uns dieser aussetzen müssten, aber paradoxerweise entsteht genau hier die Erfahrung, lebendig und bei vollständiger Klarheit in Verbindung mit den eigenen Prinzipien zu sein, die Freiheit der Haltung trotz aller Umstände bewahren zu können. Dass diese Formel heute in pervertierter Form als Motivation zur Optimierung missbraucht wird — und das nun, wie ich leider sagen muss, in Ansätzen auch im Schulalltag eine indirekte Bedeutung bekommt —, ist aus meiner Sicht viel zu kurz gegriffen für die Komplexität und Radikalität des Gedankens, den Frankl aus seiner Erfahrung im Konzentrationslager festgeschrieben hat.
Ein zweiter Punkt, den Frankl in seiner Logotherapie fokussiert, ist die sogenannte Hyperreflexion: die Problematik, wenn der Klient sich zu sehr um sich selbst kümmert und mit sich selbst und seiner Welt in sich beschäftigt ist. In seinem wegweisenden Werk Ärztliche Seelsorge beschreibt Frankl viele solcher Fälle — und gerade die Dramatik, dass das Kreisen um sich selbst eine Ursache der inneren Neurose zu sein scheint. Ist es im Fach Glück nicht ähnlich, wenn man junge Menschen auffordert, sich permanent mit sich selbst zu beschäftigen, wenn die Begriffe in diesen Modulen immer mit dem Selbst beginnen — Selbstwahrnehmung, Selbstwirksamkeit, die Reise zu mir selbst? Ich sehe hier die Frage, ob Frankl nicht sagen würde: Warum schickt ihr die jungen Menschen nicht weg von sich selbst, raus in die Welt? Die Kinder werden in diesem Glücksfach auf eine Innenreise geschickt — aber gerade hier beginnt das Problem doch eher, nämlich in der permanenten Fixierung auf die eigenen Inhalte.
Wenn Frankl davon spricht, dass der Mensch immer die Frage stellen sollte, was das Leben von ihm erwartet, statt was er vom Leben erwarten kann, steht das im Gegensatz zu den Modulen, die genau das Gegenteil trainieren: meine Stärken, meine Vision, mein Ziel, meine Wünsche, meine Pläne. All das trainiert in subtiler Form eine optimierte Version meiner inneren Toolbox, die mich zum Gestalter meines Lebens machen soll. Die Frage aber, die Frankl gestellt hat, dreht genau in die andere Richtung: nicht den Willen zur Gestaltung, sondern immer den Willen zum Sinn.
Am stärksten aber driftet diese Idee eines durchorganisierten curricularen Programms von Frankls metaphysischem Kern ab. Denn die Logotherapie ruht auf einer noetischen, geistigen Dimension, die den Menschen als nicht reduzierbar beschreibt — als fähig zur Selbsttranszendenz, der den Sinn in der Welt entdeckt — durch schöpferische Kraft, Erlebnisse und Begegnungen und die Einstellung zum unvermeidlichen Leid — und ihn niemals konstruieren kann. Es ist kein Wunder, dass Frankl ein Kritiker des Psychologismus und Reduktionismus war, der versuchte, alles geistige Leben auf psychologische und physiologische Vorgänge zu reduzieren. Hier beißt sich am stärksten die Idee vom Glück, das an die Definition von Gesundheit der World Health Organization — also an Wohlbefinden — gekoppelt ist. Frankl würde vermutlich widersprechen, da für ihn der Mensch immer mehr ist als alle möglichen Ergebnisse aus Gehirnforschung und Salutogenese und sich jenseits davon, im Transzendenten, dazu verhält. Vor allem auch jenseits von Wohlbefinden.
Man kann damit übereinstimmen, dass die Analyse der Glücksfach-Vertreter stimmig ist: dass in der Schule insgesamt wenig Raum für Sinnfragen bleibt und ein existenzielles Vakuum entsteht, dass die hohen Depressionszahlen bei jungen Menschen möglicherweise auch mit einer gewissen Sinnlosigkeit zu tun haben und dass die Annäherung an die Innenwelt, das Einüben bestimmter Techniken, durchaus sinnvoll erscheinen kann. Frankl — der noch als junger Arzt in Wien Jugendberatungsstellen aufbaute und damit zu den Pionieren der Suizidprävention bei Jugendlichen zählt — würde dieser Diagnose vermutlich sogar nachdrücklich zustimmen, die Architektur des Programms aber infrage stellen.
Durch Vermittlung von Glück Menschen sozialer, kreativer, lösungsorientierter und produktiver zu machen kann schlussendlich auch als Vorbereitung auf Konkurrenzkampf und Wettbewerb und damit komplette Abkehr von der Transzendenz und vom ursprünglichen Gedanken Frankls verstanden werden. Hier wird Glück dann wirklich ein Performance-Faktor.
Am Ende dieser Erklärung sieht der Punk in mir, mit Armeehose und der schwarzen Jacke, die Glücksboten als Überbringer einer Botschaft, die ungefähr so lautet: Du musst an dir arbeiten, resilient werden; die Verhältnisse lassen sich nicht ändern; deine Wut ist kindisch; deine existenziellen Hindernisse sind dein eigenes Problem. Hier wäre ich nicht mehr nur vor dem Klassenraum, sondern schon vor dem Schulgebäude, und hätte die Sprühdose ausgepackt.
Wie ließe sich die Geschichte nun drehen?
Dazu eine andere, neue Perspektive: Im Bhakti-Yoga bzw. in der Vedanta-Philosophie gibt es zunächst einmal die Feststellung, dass wir nicht Menschen sind, die spirituelle Erfahrungen machen, sondern im Kern spirituelle Entitäten — Seelen, man spricht von Atmans —, die eine menschliche Erfahrung machen, in ihrer Grundkonstitution aber durch drei wesentliche Qualitäten definiert werden: Sat, Chit, Ananda.
Sat steht für ewig, Chit für wissend, also voller, bereits vorhandenen Wissens, und Ananda für das, was wir vielleicht als Glück übersetzen würden — wobei es hier so etwas wie eine innere Glückseligkeit ist, das Gefühl, bereits in Fülle zu existieren.
Diese Glücksdefinition geht davon aus, dass wir bereits vollständig sind und in uns alles vorhanden ist, was wir brauchen.
In den Yoga-Sutras von Patanjali wird Yoga, die Befreiung des Atman von der menschlichen Begrenzung, als ein Prozess verstanden, in dem wir zum inneren Stillstand kommen und in unserer Fülle bereits zu existieren beginnen, beziehungsweise anerkennen, dass diese Fülle immer vorhanden war.
Vom Standpunkt der Glücksvermittlung wird hier klar: Es gibt nichts zu leisten, auch wenn ein Yogi weiterhin arbeitet, um seinen Körper zu erhalten, vorzusorgen und weiter am Leben teilzunehmen. Der entscheidende Punkt ist aber, dass Glück nichts ist, wofür wir etwas tun müssen. Glück ist der Urzustand unseres Wesens. Die menschliche Zwangsjackenerfahrung hingegen ist der Versuch, durch äußere Quellen eine Art vergängliches Glück beziehungsweise Projektion davon zu erleben, welche mit Leid in Dualität verbunden ist. Abwendung von unangenehmen Gefühlen, Hinwendung zu angenehmen Gefühlen. Eiscreme, TikTok und Ablenkung als Vermeidung. Am Ende wird der Körper wie ein Glücksgefühlapparat, der ständig mehr Reize benötigt, um den Kick zu liefern. Einfach erklärt.
Der buddhistische Lehrer Chögyam Trungpa Rinpoche beschreibt in seinem wegweisenden Buch Spirituellen Materialismus durchschneiden die interessante Illusion, dass wir, selbst wenn wir nun versuchen, uns durch Meditation etwas zu erarbeiten und das Glück zu erhaschen, uns ebenfalls in eine Art Endlosschleife begeben und unsere Meditationspraxis als eine Art Geschäft oder Kickerfüllung betreiben, an dessen Ende ein Produkt – gutes Gefühl, besseres Mindset – stehen muss. Auch hier also: Glück als Erarbeitetes.
Schlimmer noch: Durch die bewusste Verleugnung negativer Gefühle, durch das Ausbleiben der Aufarbeitung wichtiger innerer Aufgaben und durch die Fokussierung auf das Erreichen von Glück oder das Gefühl, in Selbstwirksamkeit alles erreichen zu können, steht am Ende die große Enttäuschung. Fraglich ist, ob diese auch bei einem Fach wie Glück am Ende stehen kann.
Statt Glück: Sinn & Mitgefühl als Fach?
Sinn scheint mir ein Begriff, der mehr sagt, der auch in der Abwesenheit von Glück tragen kann. Denn wenn das Glück fehlt, wenn die Selbstwirksamkeit nicht mehr da ist, wenn die Möglichkeiten eingeschränkt sind, weil ich nur noch wenig Zeit zu leben habe — was trägt mich dann? Dann kann ich höchstens hoffen und, wie Viktor Frankl es selbst formuliert hat, selbst in diesem Zustand versuchen, mich zu meiner Ausweglosigkeit zu verhalten.
Deshalb wären die Überschriften, die ich über ein Schulfach setzen würde, tragender: Ich würde es Sinn und Mitgefühl nennen. Was nicht missverstanden werden soll — dass Glück keinesfalls trivial ist, dass auch in harten Zeiten Kinder und Jugendliche Momente des Glücks brauchen, steht außer Frage. Aber während Krisen, Kriege, Gewalt und das unbeschreibliche Leid auf dieser Welt zunehmen und wir hier in Deutschland ein Fach mit der Überschrift Glück etablieren wollen, frage ich mich, ob hier nicht ein Blick nach innen gewendet wird, der in die falsche Richtung geht. Wäre es nicht eher angebracht, von etwas anderem zu sprechen — von Mitgefühl und Sinn?
Mitgefühl, auch Karuna genannt, ist die Fähigkeit, den Blick von mir selbst weg auf die anderen zu wenden. Was hat der Nächste neben mir? Was hat derjenige, der ganz hinten im Klassenraum sitzt — vielleicht sogar derjenige, der gar nicht mehr im Klassenraum sitzt? Welche Möglichkeiten des Glücks hat der Letzte in unserer Gesellschaft? Der italienische Straßenpriester Don Andrea Gallo sagte einmal, dass wir uns immer nur alle gemeinsam befreien können, niemals isoliert: Wenn wir uns vom Leid befreien, dann nur, indem wir den Letzten mit auf die Reise nehmen. Lassen wir jemanden zurück, ist alles verfehlt. Wie kann ich überhaupt glücklich sein, wenn ich weiß, dass ein anderer Mensch leidet?
Die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden — nicht nur für Menschen, sondern für alle Lebewesen, die fühlen, empfinden und leiden können —, wäre die Richtung, die vom Klassenraum nach draußen geht: weg vom Formulieren der Ziele, vom Aufschreiben der inneren Gefühlswelt, von den Checklisten und Übungen, hin zur Welt nach draußen.
Mein Eindruck ist, dass dieses Ziel im Fach Glück verfehlt wird, dass es eher noch davon wegführt und sich perfekt in die neoliberale Logik einfügt. Das Unbehagen, das womöglich damit zusammenhängt, dass man ein Fach einfach nicht Mitgefühl oder Sinn nennen könnte, liegt in der Ungreifbarkeit: Es lässt sich nicht zertifizieren, nicht verkaufen, nicht einmal messen, ob ich auf meiner Bank im Klassenraum einen Sinn in meinem Leben empfinde. Und die Gefahr besteht, dass der Markt alles verwerten will — auch Selbstmitgefühl ist ja Geldanlage, die in Podcasts und Büchern verwertet wird. Mein Schrei nach Aufmerksamkeit wäre, Frankl wirklich zu folgen: die Dereflexion, das, was er meinte mit dem Ansatz, weg vom permanenten Kreisen um mich selbst zu kommen und herauszutreten.
Der junge Punk, der jetzt die Schule verlassen hat und zu Hause sitzt, beobachtet einen Vogel auf dem Balkon, eine Amsel, die sich sehr scheu an die Sonnenblumenkerne macht, die im kleinen Häuschen verteilt sind. Bei der kleinsten Bewegung, der kleinsten Annäherung entzieht sie sich. Es ist gerade so, als ob sie mir sagt, dass ich zuschauen, beobachten, wahrnehmen und darin mein Glück finden darf.
In der Anschauung bleibt das Glück wie ein schüchterner Vogel, auf den nicht hingearbeitet werden kann, sondern der sich erst in der Offenbarung zeigt, die zufällig, ohne mein Zutun, entsteht.
Die Yoga-Tradition hat nichts anderes vermittelt: Glück lässt sich nicht greifen, es ist unverfügbar und lässt sich höchstens erleben — vor allem dann, wenn wir aufhören, Kontrolle ausüben zu wollen. Vielleicht ist daher eine Möglichkeit in einem solchen Fach, die Stille zu vermitteln: das Aufhören von Checkboxen und Curricula, ein bewusster, stiller Raum, der sich aller Kontrolle entzieht. Das wäre ein gewagtes Experiment, das kein Curriculum der Welt, an egal welcher Schule, erlauben würde. Das aber ist genau die Dramatik — und der Grund, warum der junge Punk das Glück möglicherweise dann doch außerhalb dieser durchstrukturierten Räume entdeckt.
Es ist richtig, dass junge Menschen in Schulen mehr lernen sollen als nur das Handwerkszeug, um sie später als kleine Roboter in die Arbeitswelt zu entlassen. Inwieweit sich Glück in Schulcurricula vermitteln ließe, bleibt aber die große Frage.
Der junge Punk setzt sich die Kopfhörer auf und beobachtet den Vogel. Der Sound: Mindset, Leave No Doubt.
[Hier deine vier Verszeilen aus „Leave No Doubt“ einsetzen — von „Call it a curse…“ bis „…health and wealth“. Anführungszeichen bitte konsistent setzen (entweder durchgehend „…“ oder „…“).]
Was für ein Glück.