Wir leben in komischen, befremdlichen Zeiten. Das spüren wir gerade. Vielleicht sind es aber auch nur subjektive Erfahrungswerte, denn sicherlich geht es einigen Menschen besonders gut, während es anderen Menschen eher schlechter geht. Sogar ziemlich schlecht. Bei dem Versuch, mich hier zu orientieren, finde ich den Ansatz hilfreich, mich in möglichst viele Lebenswelten zu denken oder zumindest den Versuch zu unternehmen. Ganz oben und ganz unten anzuschauen. Manchmal ist es aber auch die unmittelbare Erfahrung, die mir das nötige Material gibt.
Vor kurzem saß ich auf dem Weg zur Arbeit in der Bahn, als einige Stationen, bevor ich aussteigen musste, eine Frau sich vor mir hinsetzte. Es war die übliche Szenerie am Morgen in der U-Bahn. Jemand steht auf und geht, jemand setzt sich hin.
Bei meiner Arbeit unterstützte ich Menschen, die aus körperlichen und seelischen Gründen nicht mehr arbeiten konnten. Ausgebrannt oder noch keine Idee, wohin das Licht leuchten soll. Ich helfe ihnen mit langsamen Schritten, irgendwie den Fuß auf den Boden zu kriegen und vielleicht ein Licht anzuzünden.
Ich sitze also in der Bahn und bemerke plötzlich, wie die Frau vor mir anfängt, leise zu weinen. Sie schaut auf ihr Handy-Display, und es wirkt so, als ob sie möglicherweise gerade eine Nachricht erhalten hat, die sie erschütterte. Es ist schwer für mich, hier neutral zu bleiben. Ich blicke um mich herum, und vor mir sitzt ein junges Mädchen mit einem Musikinstrument und einem Rucksack vor sich.
Wir beide schauen uns für einen Moment an. Auch das junge Mädchen bemerkt die Frau. Ich spreche die Frau an und frage sie, ob alles in Ordnung ist, was natürlich nur vordergründig eine tatsächliche Frage nach ihrem Zustand ist. Es ist offensichtlich, wie schlecht es ihr geht. Sie reagiert auf meinen Blick und auf meine Worte, winkt ab. Vermutlich ist es ihr unangenehm, hier in dieser Bahn am Morgen plötzlich verletzlich zu sein, wo doch alle mit sich selbst beschäftigt sind.
Ich versuche, den Blick gelegentlich wieder aufzunehmen, einfach um ihr zu zeigen, dass ich sie gesehen habe. Jemand setzt sich neben sie und starrt weiter auf sein Handy. Irgendwann steht sie auf, bewegt sich zum Ausgang und nimmt noch einmal einen kurzen Blickkontakt mit mir auf und nickt. Vielleicht eine anerkennende Geste, dass sie sich zumindest für diesen Moment gesehen gefühlt hat. Manchmal sind es diese kleinen Interaktionen, die wir Menschen vermutlich brauchen, um, auch wenn wir nicht gerade dazu bereit sind, unser Innerstes mit Fremden zu teilen, doch irgendwie gesehen werden zu wollen.
Diese Szenerie treibt mich um und lenkt mich zu einem anderen Gedanken. Vor kurzem drängte sich mir das Thema auf, von bestimmten Personen, die der Tech-Branche zugerechnet werden. Milliardäre, die mit der Entwicklung von künstlicher Intelligenz vor allem zum Ausspionieren von Menschen Geld verdienen. Einer dieser Menschen, der mich in den letzten Tagen nicht losgelassen hat, ist Alex Karp, Gründer der Firma Palantir.
Karp ist eine interessante Person, die in einer Art 180-Grad-Wende von einem ursprünglichen, vielleicht nicht Vertreter, aber doch irgendwie Zugehörigen der kritischen Theorie — oder zumindest jemandem, der die Nähe von dem großen Soziologen und Philosophen Jürgen Habermas gesucht hat, in den 90er Jahren in Frankfurt sogar in seiner Umgebung studiert und eine Dissertation zum Thema Aggression und Gesellschaft verfasst hat — nun zu jemandem geworden ist, der sich in seinem jüngsten Manifest dafür ausspricht, dass es nur eine Sprache gibt, mit der Dinge auf dieser Welt geregelt werden können, nämlich Gewalt und Dominanz. Das in einer sehr verkürzten Form.
Es ist spannend und erschreckend zu sehen, wie diese Person — und vermutlich nicht nur er, sondern stellvertretend für ihn viele junge, ehemals vielleicht sogar kreative, revolutionäre, progressive Menschen — auf einmal in die gleiche Kerbe schlägt. Ich stelle mir die Frage, was hier fehlt. Denn Bildung kann es nicht sein, auch keine Intelligenz, auch nicht das Vermögen, mit Sprache umzugehen. Was fehlt ist, aus dem verarbeiteten Material die nötigen Schlüsse gezogen zu haben, vielleicht einem Habermas oder eher noch seinem Kollegen, Erich Fromm, einmal genauer zugehört zu haben.
Wir können nicht alleine durch die Ansammlung von Wissen, von Informationen, zu einer Haltung des Mitgefühls gelangen oder einfacher: Zu einem guten Menschen werden. Auch eine Dissertation im Hause eines Philosophen wie Habermas, der sich sein ganzes Leben für die Idee einer Kommunikation auf Augenhöhe eingesetzt hat und am Ende sogar etwas mit Gott anfangen konnte, schützt nicht. Auch nicht Intelligenz oder Sprachvermögen — all das ersetzt nicht eine innere, klare, einfache, friedliche Haltung gegenüber der Menschheit.
Mehr noch wird bei dem Beispiel deutlich, dass jemand, der sich ursprünglich vielleicht eher auf der Seite derjenigen, die Freiheit und Demokratie und Frieden vertreten wollten, oder zumindest sich in die Nähe dieser begeben hat, dass diese Annäherung eben nicht davor schützt, am Ende eine ganz andere Philosophie zu vertreten und weit, weit abzudriften.
In der Vedanta-Philosophie ist der Mensch nicht nur Körper, nicht Verstand, nicht Persönlichkeit. Im Wesentlichen sind wir Atman, ewige spirituelle Seelen, die eingebettet sind in etwas, das viel größer als wir ist. Aufgrund der Tatsache, dass wir unvollkommen sind, dass unsere Körper, unsere Konstitution — wozu auch das Denken gehört — unvollkommene Instrumente sind, neigen wir durch Spekulation und ewiges Hin- und Herdiskutieren in uns zu unvollkommenen Rückschlüssen. In der Vedanta-Philosophie wird das als Grundbedingung dafür angesehen, dass wir von Verblendung, avidya, bestimmt sind.
Vor allem dann, wenn wir versuchen, mit den Instrumenten unseres Geistes rein intellektuell zur Wahrheit zu gelangen. Wissen zu erlangen ist der Weg zur Erkenntnis. Erkenntnis muss am Ende das Wissen selbst loslassen können. Unterscheidungswissen ist nützlich, wenn wir Dinge verstehen wollen, wenn wir die Welt sezieren wollen. Aber das ist nur die eine Seite der Wahrheit. Die andere verlangt, dieses Wissen in Haltung umzuwandeln.
Ich stelle mir die Frage, was für eine Welt wir hätten, wenn jemand wie Alex Karp das Sagen hätte, der, wie er sagt, demokratische Strukturen oder die „Systeme“ stören will und sogar dazu aufruft, seine Feinde zu töten. Wenn Roboter, autonome KI-Waffen und der ganze andere dystopische Rest die Welt dominiert — in welcher Straßenbahn würde ich mit dieser Frau dann sitzen?
Am Ende verlieren wir alle. Am Ende unseres Lebens wird jeder Körper, egal ob von einem Billionär oder von einem armen Bettler, von den Maden und den Würmern zu Materie umgewandelt, welche in den Kreislauf der Welt zurückgeht.
In meinem DIY Survival Kit geht es darum, das Leben auch ein Stück weit von diesem Punkt aus zu betrachten und sich zu fragen, welches Leben wir tatsächlich leben wollen. Welche Spuren wir hinterlassen wollen und wie wir andere Menschen inspirieren können. Wie wir für das Leben und für die Welt und für das Gute eingestanden haben.
Als ich die Treppe aus der U-Bahn-Station hochgehe, denke ich weiter über die Frau nach. Ich bin wütend und traurig zugleich, wie still und unpersönlich wir uns begegnen. Ich bin hoffnungsvoll darüber, dass es vielleicht dieses junge Mädchen berührt hat. Dass sie vielleicht auch, wie ich, darüber nachgedacht hat, warum wir das Schweigen nicht brechen wollen oder können. Und dass sie sich vornimmt, beim nächsten Mal etwas zu sagen.
Vielleicht war mein Akt, eine fremde Person anzusprechen, für sie eine Inspiration. Und vielleicht werden dadurch die Roboter und Nihilisten nicht gewinnen. Auch wenn wir am Ende alles verlieren werden.