DER GEIST ALS KAPITALANLAGE

Ein Essay über Aufmerksamkeitsökonomie und wirkliche Minusgeschäfte

Ich werde einen Text schreiben. Festhalten. Was ein Wunder. Genauer gesagt bin ich jetzt gerade schon dabei, die ersten Zeilen zu formulieren (sieht man ja), meine Gedanken in eine digitale Arbeitsmaschine zu diktieren, mit dem Ziel, daraus einen Text zu generieren. Und ich bin mir bewusst, dass ich in diesem Moment etwas tue, was mich wie einen Sklaven binden könnte, denn ich will verdammt nochmal, dass der Text gelesen wird. Und genau da liegt das Problem. Aber langsam, der Reihe nach.

Zunächst geht es darum, eine provokante These vorzuschieben, die dieses ambivalente Verhältnis zwischen mir und meiner unbewussten Abhängigkeit erklärt. Der Geist ist zu einer Anlage geworden, welche abgeschöpft wird.

„Minds are the real estate of the 21st century“,

sagt Chuck D, Frontmann der Rapgruppe Public Enemy (Chuck D / Yusuf Jah: Lyrics of a Rap Revolutionary, Y & G Communications, 2007.) Ein Kopf als Grundstück, der Geist, verstanden als eine Art Immobilieninvestition – das fand ich zunächst befremdlich, wusste aber sofort, worauf er hinauswollte. Was der Mehrwert, die Rendite sein soll, versuche ich zu erklären. Zunächst geht es aber darum, zu verstehen, was überhaupt die Schaltstelle ist, die gewissermaßen vor den handfesten Anlagen sitzt, in die dann das Kapital fließt.

Denn der Schlüssel dazu ist die Aufmerksamkeit. Genauer gesagt spricht man von der sogenannten Aufmerksamkeitsökonomie. Damit ist gemeint, dass dieses hohe Gut begrenzt ist. Folglich geht es natürlich darum, möglichst schnell und möglichst viel davon abzugreifen.

In Ökonomie der Aufmerksamkeit und Mentaler Kapitalismus beschreibt der Philosoph Georg Franck, dass sich die Beachtung dort kumuliert, wo schon Beachtung ist – und nicht dort, wo sie möglicherweise hingehen sollte, wo ihr Verdienst läge. In den sozialen Medien kannst du das beobachten: Gerade die Beiträge bekommen besonders viel Aufmerksamkeit, die reißerisch, sensationsgeil oder emotional aufladend Beachtung finden.

Wer (viel) spricht und das Spiel versteht, sich vor der Kamera gut zu präsentieren, bekommt Aufmerksamkeitsrendite – und zwar mehr als ein Text, der anspruchsvoller ist und gelesen werden muss. (In diesem Zusammenhang denke ich darüber nach, warum es mir schwerfällt, Videobeiträge von mir zu posten, in denen ich irgendetwas von mir gebe, und innerlich jammere: Warum will niemand die Texte lesen? Warum ist der geschriebene Text weniger wert? Aufmerksamkeitsökonomie, Junge.)

Im Silicon Valley hat man das natürlich schon lange verstanden und im Stanford Persuasive Technology Lab an einem Designprinzip gearbeitet, wonach Menschen möglichst lange am Bildschirm gehalten werden sollen. Das weißt du alles. Auch, dass Techniken eingesetzt wurden, die Tristan Harris, der ehemalige Google-Ethiker, als Wettrennen um die primitivsten Teile des Gehirns bezeichnet hat. Das Ziel ist, die Aufmerksamkeit – genauer gesagt die emotionale Aufmerksamkeit, also das, was schnell „verwertbar“ ist – möglichst schnell zu greifen.

So funktioniert dieser Mechanismus, zumindest nach der Strukturanalyse von Shoshana Zuboff in ihrem Buch The Age of Surveillance Capitalism, dann so, dass wir uns in unserem Verhalten rückkoppelnd und unbewusst neu auf diese Prinzipien der Aufmerksamkeitsökonomie einstellen. Weil ich spüre, dass alle es so machen: dass alle Reels posten, dabei vielleicht noch mit Filtern bestimmte Makel entfernen oder sich tatsächlich mit Hämmern im Gesicht die Knochen brechen, um noch genormtere Gesichtszüge zu erhalten – ihr ganzes körperliches Wesen auf die Parameter der Kamera einstellen, real hungern oder dafür trainieren, um auch vor der Kamera die perfekte Darstellung abzuliefern. Dann muss ich das auch so machen.

So hat das System erreicht, dass es mich mit einer Art innerer Zensur dressiert hat. Die Peitsche kommt sozusagen nicht von außen, und ich muss nicht mehr von jemandem diszipliniert werden, denn ich diszipliniere mich selbst. Weil ich sonst im Rennen um die Aufmerksamkeit der Letzte bin und so wenigstens die Chance hätte, vielleicht der Vorletzte zu werden.

Der Philosoph Byung-Chul Han beschreibt diese Mechanismen noch brutal klarer in seinen Büchern, unter anderem in der Müdigkeitsgesellschaft, und zeichnet als Folge die Perspektive der Depression: Wir müssen in diesem Rennen um Selbstoptimierung am Ende zwangsläufig zusammenbrechen.

Was heißt das also? Der Geist als Kapitalanlage wird im KI-Zeitalter endgültig zum Datenfutter – und irgendwann sprechen wir tatsächlich davon, dass die künstliche Intelligenz am Ende sogar die menschliche Intelligenz überholen soll.

Ich glaube allerdings nicht, dass Daten das neue Öl sind. Denn die geistige Struktur des Menschen lässt sich zwar manipulativ ausbeuten und verarbeiten, wird aber bei genügend Leidensdruck auch ins Gegenteil kippen können. Die Frustration, die damit einhergeht, ist letztlich vorprogrammiert. Denn selbst wenn wir alle Regeln befolgen, um in dieser Aufmerksamkeitsökonomie aus unserem Geist möglichst viel Profit abzuzweigen, wird es immer Gewinner und Verlierer geben (müssen).

Was bedeutet das, wenn ich mit Menschen zusammenkomme, die genau an diesem Punkt stehen? Und was bedeutet das für mich, wenn ich hier versuche, Ideen und Gedanken zu formulieren, und im Rennen um die Aufmerksamkeit tatsächlich an hinterster Stelle stehe – gleichzeitig aber fest davon überzeugt bin, dass meine Ideen und Gedanken nicht wertlos sind?

Hannah Arendt liefert für mich einmal wieder das Gegenmittel, das sich auch als Gegenentwurf zum Zwang der Verwertbarkeit verstehen lässt. In Vita activa beschreibt sie das zwecklose Handeln, das Ergebnisse offen lässt und trotzdem davon ausgeht, dass Menschen in der Pluralität unterschiedlicher Vorstellungen und Meinungen – immer auf der Ebene der Zwecklosigkeit – interessante und vor allem fortschrittliche Dinge, Gedanken, Ideen und Wege auf den Weg bringen können. Gerade wenn etwas keinem Zweck dient, kann Offenheit entstehen, können völlig neue Perspektiven ermöglicht werden.

Als Coach vertrete ich einen radikalen Gegenentwurf: dass der Mensch niemals dieser Verwertungslogik unterworfen werden kann. Auch wenn ich in bestimmten Kontexten – in arbeitsmarktbezogenen Maßnahmen, wo es um die Reintegration arbeitsloser Menschen geht – das größere Spannungsverhältnis wahrnehme und empfinde, dass es hier eben auch darum geht, in gewisser Weise verwertbar zu sein, würde ich immer auf dem festen Standpunkt stehen, dass ein freier Mensch vor mir sitzt, den ich weder beeinflussen, manipulieren noch sonstwie steuern kann. Weder mit subtilen Methoden noch mit offener Androhung.

Ein anderer Aspekt scheint mir in dieser Diskussion ebenfalls interessant: die Tatsache, dass in der Yoga-Philosophie die Ökonomie der Aufmerksamkeit eher vom Standpunkt einer Ethik aus betrachtet wird. Bevor es um Verwertung geht, stellt sich immer die Frage: Was ist gut für meinen Geist? Was soll als Futter dienen? Wer verdient umgekehrt daran, wenn sich das Gerümpel, das sich in meinem Geist ansammelt, mir irgendwann den Kopf platzen lässt? Damit ist mein innerer Pfad keine reine Privatsache mehr, sondern auch ein Pfad, der von außen gesteuert wird. Diese Wahrheit ist in der Yoga-Philosophie schon seit Tausenden von Jahren bekannt.

Wenn dann schon dein Kopf eine Wertanlage sein soll, die der Aufmerksamkeitsökonomie geopfert wird, dann wirst du nicht nur Mitspracherecht einfordern, sondern jenseits von Zweckgebundenheit immer entscheiden, welche Inhalte deinen Qualitätsansprüchen gerecht werden. Soll es von dir aus für die anderen keine Rendite bringen – wenigstens hast du am Ende wirkliche Werte statt Ramsch und Klicks ohne Gefühl.