ACHTSAM BEI MCDONALD’S?

Fastfood ist bekanntlich vor allem dadurch gekennzeichnet, dass es ein schnelles Ergebnis liefert.
Es erreicht mich auf meiner primitivsten Ebene, trifft meine Geschmacksnerven gezielt durch den Einsatz von Geschmacksverstärkern und sonstigen Mittelchen und versetzt mich in eine Art sofortigen Glückszustand, gefolgt von dem vermutlich bekannten Phänomen, dass man einerseits nicht satt ist und andererseits Magenschmerzen und andere Erlebnisse geschenkt bekommt. Ob Spiritualität im Westen in ihren vielen Erscheinungsformen mittlerweile ähnlich konsumiert, vermarktet und verbraucht wird wie Produkte in Schnellrestaurants, wäre eine interessante Frage. Gerade durch Apps, die mich ironischerweise am Bildschirm haften lassen, um mir meditative Auszeiten anzubieten, und damit eine weitere Abhängigkeit schaffen, wird einer der vielen Widersprüche offen auf einem Tableau präsentiert, wo die Pizza mit der Ananasscheibe gleich daneben liegt. Kein Fastfood, aber irgendwie wirre Kombination.

Über Verwertbarkeit und Ethik einer Praxis 

Ausgehend von McMindfulness von Ronald Purser haben viele bekannte Vertreter der westlichen Spiritualität vermutlich innerlich, vielleicht ungewollt, unbewusst, aber doch irgendwie umso tatkräftiger dazu beigetragen, dass wir eine Art McDonaldisierung von Spiritualität erreicht haben. Oder besser gesagt: daran mitgewirkt, dass Achtsamkeit vor allem ein Begriff ist, der sich verkaufen lässt, weil er erfolgreich in verkaufbare Häppchen gepresst und das Grobe am Ende abgeschnitten wurde. Neat. Sowohl in der Yoga-Szene wie auch bei den Achtsamkeitslern laufen die Zertifizierungskurse und Angebote, vermutlich in und trotz der Krise mal schlechter, mal besser, aber trotzdem: Es läuft weiter. Heute gibt es Kurse zu Achtsamkeit und Yoga „an jeder Ecke“. Krankenkassen bezuschussen die Qualifizierungen zum Teil sogar. Immer heruntergebrochen auf den Alltag, ohne zu viel philosophischen Ballast (die Ränder).

In seinem Buch arbeitet Purser diese Strategie anhand der wesentlichen Kernelemente aller östlichen spirituellen Traditionen heraus, der authentischen Traditionslinien und ihrer besonderen Bedeutung. Diese authentischen Traditionslinien, von denen es sowohl im Buddhismus wie auch im sogenannten „Hinduismus“ eine unzählige Anzahl gibt, beinhalten den Kerngedanken, dass Wissen behutsam aufbewahrt, in einem gewissen Schutzraum diskutiert, erweitert und kommentiert wird, um es dann weiterzugeben — ohne sich den modernen Ansprüchen an die Zeit zu verweigern, aber trotzdem den Spagat zu versuchen: den authentischen Kern aufrechtzuerhalten und gleichzeitig modernere Interpretationen und Antworten auf Fragen des modernen Lebens zu finden. Der Kern bleibt aber der gleiche. Kerngedanken, wenn man so will, können nicht verändert werden. Die moderne Achtsamkeitsideologie hat jedoch etwas erfolgreich geschafft: Sie hat die ethischen Kerngedanken dieser Traditionslinien amputiert. 

Ohne an dieser Stelle eine vollständige ausführliche Wiedergabe der philosophisch-theologischen Details zu liefern, soll folgender Konsens ausreichen: Was ist Kern der Yoga-Philosophie, auch in Teilen der buddhistischen Philosophie, aus der die Achtsamkeitspraxis über Umwege entlehnt wurde? Dass Menschen keine Menschen sind, die eine spirituelle Erfahrung machen, sondern spirituelle Entitäten, welche eine menschliche Erfahrung machen — wobei sich der Buddhismus hier grundsätzlich von den Yoga-Traditionen unterscheidet, indem er keinerlei permanente Substanz, keinen permanenten Betrachter und Seher, keinen Draṣṭṛ, keine Seele anerkennt. Weiter: Dass Leben bedeutet, die Erfahrung zu machen, von Dualitäten und Leid geprägt zu werden, vor allem dann, wenn die harte Identifikation mit der materiellen Welt und meinen zigtausend Ichs nicht überwunden wird. So ist die Welt der Ort, der uns durch seine innere Logik an Punkte bringen muss, an denen wir verstehen: Das Leben muss, selbst wenn wir momentane kleine Glückserlebnisse haben, letztlich in Dualitäten umschlagen.

Das bedeutet nicht Fatalismus, auch keine Gleichgültigkeit. Vor allem kein Zurückziehen in meine kleinsten privaten Gefilde und auch keinen Hedonismus und kein Jetzt-erst-recht-das-Leben-aus-vollen-Zügen-mit-dem-Löffel-im-Mund-Sterben. Die Anerkennung dieser Realität, dieser Zeitweiligkeit, ist der Grundpfeiler für eine Ethik der Besonnenheit und der Mäßigung. Ein moralischer Appell.

Die Amputation von Ideen, Lehren und Grundüberzeugungen, die immer auf ethischen Grundprinzipien basieren, ist gerade bei der Achtsamkeit — einem Begriff, der aus der buddhistischen Lehre entlehnt ist — mehr als auffällig und deckt sich mit eigenen Erfahrungen und Gesprächen: dass viele Menschen sich zwar für Yoga und Spiritualität interessieren, das Religiöse und das Esoterische im Prinzip aber eigentlich nicht dabeihaben möchten, oder wenn, dann etwas mehr heruntergebrochen, ohne den Ballast der Wahrheitsansprüche und Ambivalenz, „undogmatisch“. Das ist an sich nicht mal aufgeklärt-westlich; auch innerhalb der Traditionslinien gab und gibt es diese Diskussionen um unnötigen moralischen Regelballast. Das Abspalten, Rausschneiden und Neuverbinden von Ideen, das Neukombinieren und auch mal Hören, was andere Traditionen denken und tun, ist Teil der menschlichen Zivilisation. Wir kommen in Berührung mit anderen Kulturen und fügen Aspekte davon in die eigene ein. Deswegen essen wir Gerichte und Nahrungsmittel, die aus fremden Ländern importiert wurden, und fragen uns nicht, ob die Kartoffel wirklich immer deutsch war. Diese Globalisierung hat viele Vorteile und macht das Leben reicher.

Bei den spirituellen Traditionen ist aber etwas anderes passiert: eine Art kolonialisierte Globalisierung, die einseitige Bewegungen verfolgt. Die sich also bei der Kombination nicht so sehr darum kümmert, was mit den buddhistischen Kernprinzipien ursprünglich gemeint war, sondern einfach das übernimmt, was gut in unsere Lebensrealität passt, und „unangenehme“ Aspekte ausblendet. So wie vegetarische Restaurants schlechte Werbung machen würden, wenn sie Bilder von Tieren aufhängen, denen gerade die Kehle durchgeschnitten wird, um den moralischen Appell zu untermauern, der für die vegetarische Ernährung spricht. (Man könnte hinzufügen, dass auch brennende Wälder in Südfrankreich oder ausgetrocknete Flüsse als Bilder aufgehängt werden könnten, weil der Effekt von Fleischkonsum größer ist als gedacht und in Bezug auf den Klimawandel unbestritten. Aber das ist ein anderes Thema.)

Interessant ist, dass mit buddhistischen Mönchen immer diese ewig lächelnden, seelenruhigen praktizierenden Überwesen assoziiert werden. Es ist immer mal ganz gut, sich daran zu erinnern, dass auch Buddhisten Waffen in die Hand genommen haben, als sie sich gegen die chinesischen Besatzer in ihren Klöstern wehren mussten. Und dass der junge Dalai Lama dem bewaffneten Widerstand durchaus offen gegenüberstand — der tibetische Widerstand wurde über Jahre vom amerikanischen Geheimdienst finanziert und ausgebildet. Wer will das den Mönchen vorwerfen?

Egal. Hier soll sich die Feel-Good-Achtsamkeit gut anfühlen. Es muss mich ruhiger machen, konzentrierter, damit ich, egal in welchem Apparat — Schule oder Arbeit —, mithalten kann. Wenn ich diese Woche fünfmal meditiert habe, dann versuche ich es in der nächsten Woche sechsmal. Und so habe ich irgendwann das Gefühl, wieder etwas geschafft zu haben.

Das Schaffen. Das möglichst unkomplizierte Meditieren als Ergebnis von Leistung. Diese Haltung, die hier entwickelt wird, lässt sich am ehesten als eine Art spiritueller Materialismus beschreiben, wovor Lehrer wie Chögyam Trungpa schon gewarnt haben. Wir tun so, als ob alles eine Leistung sei, ein Produkt. Auch die Meditation wird zu einer Ware, die ich innerlich ansammle.

Was am Ende dabei herauskommt, ist aber keine Glückseligkeit, sondern Neurotizismus. Und das dürfte mittlerweile immer häufiger auch attestiert werden: keine wirkliche Lösung von Problemen. Die Berichte von Menschen, die in Yoga-Retreats psychisch zusammenbrechen und Neurosen entwickeln, mögen medial hier und da aufgebauscht sein. Sie sprechen aber genau das Problem an: dass eine Praxis ohne Einbettung in ethische, lebensmoralische, psychologisch ausgewogene Konzepte nicht funktioniert.

Wenn wir dann noch versuchen, Achtsamkeit innerhalb von Strukturen einzusetzen, die Ausbeutung fördern, wenn Firmen versuchen, ihre Mitarbeitenden mit Achtsamkeitshäppchen bei Laune zu halten, anstatt die Gehälter den Lebenshaltungskosten anzupassen und für gute Arbeitsbedingungen zu sorgen, wenn Schulen Achtsamkeitspraxis einsetzen, um eigentlich den strukturellen Problemen aus dem Weg zu gehen, wenn das Geld für Achtsamkeitskurse ausgegeben wird statt für bessere Ausstattung der Schulen, mehr Lehrkräfte, bessere Ausbildung, Verbesserung der schulischen Konzeption, und wenn jener umfassende Blick verloren geht, den die Traditionen immer hatten — dann ist das nichts anderes als Amputation.

Im Kern ist Mindfulness eine Art Erschütterung für das moderne Subjekt. Der Buddha sprach die Wahrheit über Gier, Hass und Zerstörung im Angesicht der Dramatik des realen Lebens außerhalb seines sicheren, von Mauern geschützten Zuhauses. Die Yoga Sutras und die Bhagavad Gita warnen vor Gleichgültigkeit und Vernebelung und beschreiben den Weg heraus als entbehrungsreich. Die Erschütterung, die mein komplettes Weltbild wie ein Steinwurf auf einen Spiegel zerstört, ist kein McDonald’s-Besuch; der Bissen braucht lange, um verdaut zu werden. Manchmal schmeckt es sogar wie Medizin, die ihre Wirkung entfalten muss.

Ein Programm, das mir innerhalb weniger Wochen vermitteln soll, dass ich innerlich ruhiger werde, und mich dann als Trainer qualifiziert, die Rosine, die ich langsam auf meiner Zunge zergehen lasse, um dann „präsenter“ zu sein (wozu eigentlich), eine vermeintliche Verbesserung meiner psychischen Stabilität oder meiner Aufmerksamkeit, die dadurch entstehen soll: Das kann alles schön und gut gemeint sein. Wenn dahinter aber nichts weiter steckt als ein raffiniertes Marketinginstrument, das den großen Fragen keine Antworten liefert, das sich nicht positioniert, das sich nicht zur Ungerechtigkeit äußert, in dem wachsender Populismus, zunehmende Radikalisierung, Umweltzerstörung und vor allem die Ursachen, die in politischen Verantwortlichkeiten liegen, nie angesprochen werden, weil man sich keine Feinde machen und sich mit allen gut stellen will — dann könnte es irgendwann passieren, dass dieser Zirkus ganz schnell vorbei ist. Wenn nämlich diejenigen, die sich nicht mit warmen Worten, sondern nur mit harten Fakten überzeugen lassen, ganz einfach den Hahn abdrehen für die Kurse, die ihre Mitarbeitenden nicht effektiver arbeiten lassen.

Im neoliberalen Kapitalismusspiel gibt es keinen Raum für wirkliche Achtsamkeit oder für wirkliche Einkehr. Hier stehen sich zwei Pole gegenüber und können durch noch so viel Zutun nicht ineinander „verschmelzen“. Dass der Kapitalismus für ein paar Augenblicke in der Menschheitsgeschichte so etwas wie Achtsamkeit umarmt, ist Maskierung und Trickserei. Am Ende geht es nur um Zahlen, um Lautstärke und um eine Haltung, die ganz klar Position bezieht.

Bis dahin werden sich aber viele Self-Help-Gurus und Mindfulness-Vertreter zurückgezogen haben. Vielleicht werden sie genug Geld angesammelt haben. Vielleicht werden sie auch auf ein anderes Pferd setzen. Oder — und ich will an dieser Stelle durchaus die edlen Motive anerkennend aussprechen — gleich zu der Erkenntnis kommen, dass das Konzept ohne einen Kopf, ohne das Gehirn, ohne den ethischen Grundbau nichts wirklich bewirken wird. Diesen amputierten Teil wieder anzunähen dürfte aber schwierig werden, wenn dieser wie Fastfood verzehrt und schließlich verdaut Teil des ewigen Stoffwechsels der Welt wird, keine wirkliche Spur hinterlässt, kein Gebäude, nichts errichtet haben wird, so wie es die Philosophin Hannah Arendt vielleicht formulieren würde: keine Handlung, die ein neues Gewebe in die Welt zieht, sondern bloß ein Verwertungsprodukt, das im Kreislauf der Erde zerrinnt wie Kompost. Was soll dann übrig bleiben?

Zum Schluss: Dieser Essay beschreibt einen Nebenschauplatz der Weltereignisse und soll weiß Gott nicht Achtsamkeit und Meditation jegliche Bedeutung absprechen. Auch ist das hier nicht annähernd so relevant wie Bomben in Wohnhäusern, ertrinkende, verbrennende Menschen und Tiere, in Stellung gebrachte Atombomben und die völlig banale Feststellung vom „Wahnsinn“ in der Welt.

Vielleicht ist es doch gut, dass es wenigstens ein paar Menschen gibt, die eine — vielleicht verstümmelte, von mir als amputiert beschriebene — Version von Achtsamkeit verbreiten. Es hilft, definitiv. Im direkten Einflussbereich kann ein angeleiteter Moment der Stille einen Raum öffnen, der zur Abwechslung mal nicht von den ständigen inneren, diskursiven Monologen geprägt ist. Was schon viel bedeutet.

Der Kapitalismus ist auch kein Wesen, das sich selbst erschaffen hat. Der Brennstoff der Maschine ist Gier, Hass, Unwissenheit und Neid — das wusste man schon vor der Beschreibung von Wirtschaftssystemen. Es wäre verkürzt, zu glauben, dass die Verhältnisse nur einseitig auf die Gesellschaft wirken. Das Bewusstsein koppelt zurück, trickst sich dabei sogar selbst aus und versucht geschickt, Produkte zu machen, deren Zweck Verwertung ist. Achtsamkeit kann nicht dazugehören.