WOZU EIGENTLICH BEWERBEN?

Kleines Manifest eines Jobcoaches – Für einen jungen Menschen, der 2026 gerade vor einer unsicheren beruflichen Zukunft steht und sich fragt, wohin die Reise gehen soll.

Angesichts Ungerechtigkeit, um sich greifenden Elonmuskismus, Perspektivlosigkeit trotz Ausbildung und Studium, Ignoranz und Stell-dich-nicht-so-an-Getöse: Warum ich nicht aus Naivität oder einem schlechten Gewissen heraus junge Menschen ins „Tun“ bringen möchte. Und angesichts der wachsenden Ungleichverteilung von Reichtum und Armut und der damit einhergehenden eigentlichen Verpflichtung derer, die ohne ihr Zutun immer weiter Reichtum anhäufen und sich ihrer Verantwortung entziehen: warum ich trotzdem über Selbstverantwortung spreche, warum es Sinn macht, sich trotz allem für Sinn zu entscheiden – ohne das Fehlen von Geld und Entlohnung mit billiger Anerkennung durch schöne, aber leere Gesten abzutun. Geld – das soll hier klar sein – ist Gerechtigkeit und Würde, ohne dafür einem Gönner in den Hintern kriechen zu müssen. Dass junge Menschen sich gerade zu Recht fragen, warum sie sich für vorprogrammierte Altersarmut in einer wüstenartigen Zukunft überhaupt krumm machen sollen, ist dabei genauso ernst zu nehmen wie ein anderer Aspekt: nämlich inwieweit das viele Geld tatsächlich so etwas wie Glück und Zufriedenheit, Sinn und Bedeutung bringt.

Vor Kurzem las ich einen Artikel über Elon Musk, der in seiner bissigen und sehr genauen Art und Weise analysierte, was das Problem von Elon Musk ist – und vor allem genauer, warum all das Geld ihn, auch wenn er, wie kürzlich bekannt gegeben, der reichste Mensch auf diesem Planeten ist, trotzdem weder glücklich noch cool macht, noch Freundschaften oder Anerkennung bringt. Im Gegenteil. Am stärksten fand ich, wie der Autor klar herausstellte, dass Elon Musk eben alles andere als frei ist. Bei all dem Geld, das er hat, und der Freiheit, die er sich eigentlich erlauben könnte – nämlich jenseits jeder Öffentlichkeit ein komplett zufriedenes Leben zu führen, seine Mitmenschen, seine Tochter, einfach ALLE in Ruhe zu lassen (vielleicht nebenbei noch ein paar Millionen abzugeben) –, macht dieser Typ am Ende doch nichts anderes, als sich jeden Tag wie viele andere armselige Würstchen aufzuführen, die sich in Kellern verstecken, keine Freunde und Beschäftigung haben, sich über andere Menschen lustig machen und auf ihrem Mobilgerät über X Hassbotschaften posten.

Dieses Bild hat alles erklärt. Im Grunde genommen hat dieser Mensch gar kein wirkliches Ziel im Leben, außer dass alles immer größer und immer weiter werden muss und er am Ende, mit all seinen Allmachtsfantasien, mit seinen unzähligen gezeugten Kindern, die er angeblich nur deshalb in die Welt setzen will, damit sich seine überlegenen Gene verbreiten, doch nur das Leben einer Wurst führt – und auch auf dem Mars den dortigen Lebensformen am Ende auf den Sack gehen wird.

Man kann sich nun an diesem Verrückten abarbeiten und die Frage stellen: Wozu soll ich jetzt überhaupt versuchen, jungen Menschen so etwas wie Authentizität und Werte zu vermitteln und sie dazu zu animieren, sich ins Leben zu schmeißen und etwas zu machen – und für dieses „Machen“ konkret gerade mal genug rauszubekommen, um gerade so über die Runden zu kommen?

Es betrifft mich an dieser Stelle persönlich: Meine Rentenbescheide eröffnen mir in spätestens 12 bis 13 Jahren eine Perspektive knapp an der Grenze zur Altersarmut; einen Platz im Altersheim werde ich mit circa 1.300 bis 1.500 Euro Rente (wenn es gut läuft) nicht finanzieren können. Sozialpädagoge, Leute. Was werden im Leben, was mit Sinn machen.

Ich könnte den Zynismus unterschreiben, vielleicht sogar den Fatalismus, wenn ich mir in meiner kleinpopeligen Rolle als Jobcoach überlegen oder vor mir rechtfertigen sollte, warum ich ausgerechnet jungen Menschen jetzt zu vermitteln versuche, dass es irgendwie auch Spaß machen kann, etwas zu tun, etwas zu machen, etwas zu erschaffen, zu arbeiten – nicht nur im Sinne von Geldverdienen, sondern vielleicht auch, um sich selbst zu erleben. Das könnte ich.

Warum ich trotzdem daran glaube, ins „Tun“ zu kommen – trotz willkürlicher, politisch motivierter Entscheidungen und Aussagen, die jetzt mehr Druck erzeugen sollen –: Es ist die Frage der Würde. Ich glaube weiter an Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Würde des einzelnen Menschen.

Und die ist verknüpft mit dem Recht auf Handeln und der Möglichkeit, Dinge gemeinsam in Bewegung zu setzen. Wirksamkeit, das Gefühl, etwas von Wert zu schaffen, an dem sich alle erfreuen können, ist ein entscheidender Antrieb. Das sogenannte „Ehrenamt“ ist keine bloße Zeitverschwendung – es darf entlohnte Arbeit aber niemals ersetzen. Dennoch ist das Gefühl, sich – trotz Arbeitslosigkeit, vielleicht sogar Vereinsamung und Depressionen – in einer großen Turnhalle zusammenzutun, um Klamotten für geflüchtete Kinder zu sortieren oder das „gerettete“ Brot an die Rentnerin nebenan zu verteilen, eben nicht nur mit Geld aufzuwerten. Elon Musk würde vermutlich gerne sogar so etwas wie „Sinngefühl“ in Währung übersetzen, kann er aber nicht.

Das Vokabular einer beflügelnden Sprache fehlt ihm genauso wie einem Großteil der politisch Verantwortlichen für den aktuellen Backlash in Richtung „Schnauze halten und buckeln“. Hier und da werden die GenZer weiter als dumme, faule und bequeme Nichtskönner abgestempelt, aber mit zunehmend leiserer Stimme – da sie plötzlich doch überall sichtbar werden und sogar arbeiten (!), beim Discounter an der Kasse stehen und, man mag es nicht glauben, sogar super freundlich sind. Wie heute. Als ich mich beim Lidl durch die Regale wühle, fragt mich eine dieser GenZer – die vermutlich gerade ihr Grafikdesign-Studium fertig hatte und jetzt wegen KI keinen Job bekommt und dann eben bei Lidl anfängt – sogar: „Haben Sie einen schönen Tag!“

Worum es mir geht: Coaching ist für mich eine Möglichkeit, einen ehrlichen Austausch über die Ungerechtigkeiten zu führen, anstatt jemanden nur mit Plattitüden und Motivationssprüchen aus dem Kalenderblatt zu einem positiven Reframing zu überreden. Jobcoaching ist eine ehrliche Bestandsaufnahme, und Augenhöhe heißt hier, dass alle Bedingungen tatsächlich genannt werden können. Ich kann sie ansprechen, kann gemeinsame Räume schaffen, in denen die gemeinsame Wut und Enttäuschung geteilt werden können. Den Mut von dir, jungem Menschen, der sich trotz einer versprochenen Zukunft und trotz nicht eingehaltener Versprechen von gerechtem Gehalt und Anerkennung nach Studium oder Ausbildung dann doch irgendwie auf den Weg macht und weiter im „Tun“ bleibt – diesen Mut will ich hier in den Raum stellen.

Als individualpsychologisch und existenzanalytisch arbeitender Coach geht es mir genau darum, diesen einen Punkt zu aktivieren, der trotz allem den Willen beschwört, der immer noch Ja sagt und Motivation empfindet, sich trotz allem in die Welt zu schmeißen. Trotzdem Ja sagen zu einer persönlichen Entwicklung, die auch etwas mit Ausbildung, mit Studium, mit Bewerbung, mit Umgang, mit Enttäuschung zu tun hat. Das ist für mich der Kern. Fuck diese Milliardäre und die anderen Würste.

Wenn ich am Boden ankomme und die Scheiße links und rechts die Wände runterläuft, wenn ich langsam einen Rundumblick bekomme und mir gemeinsam mit meinem Klienten alles angucke, wenn ich auf diesem Boden der Tatsachen sitze, wir beide uns gegenüber – dann ist meine Haltung trotzdem, dass wir versuchen, Stellen zu finden, an denen wir dich aus diesem Loch herausbekommen. Elon Musk mag das alles nicht interessieren. Aber meine Vermutung ist, dass er tatsächlich weniger innere Kompetenz besitzt, aus seinem kleinen inneren Loch herauszukommen – und dass er in seiner Echokammer weiterhin mit dem Bild eines Affen leben wird, der seinen Kot um sich herum schmeißt.

Du jedoch nicht.
Das macht für mich den Unterschied.
Deshalb coache ich dich – und schmeiße mich gern mit dir ins Leben.