Schein oder Sein

Folgende Idee: Wenn du rausgehst, beobachte mal einen Baum. Ganz in Ruhe. Was stellst du fest? Dieser Baum arbeitet nach einem natürlichen Programm, das sich nicht aufhalten lässt. Und der Baum produziert vor allem eins: Früchte. Und die produziert er nicht aus einem Willen heraus, sondern weil das das Wesen des Baumes ist — Früchte zu tragen und diese irgendwann zu zeigen. Ist der Baum krank, kann die äußere Schicht des Baumes möglicherweise für einen Zeitraum darüber hinwegtäuschen, kann die Mangelversorgung durch zu wenig Wasser oder schlechten Boden verdecken, aber spätestens an den Früchten, die ja unweigerlich kommen werden, wird der Ausdruck dieses Baumes erzwungen. Und die Qualität der Früchte wird über den Baum urteilen. Verhindern kann der Baum das nicht.

Du lebst — wenn man das auf die Alltagswelt und vor allem auch Social Media überträgt — in einer Welt voller Darstellungen, die du an ihrer äußeren Rinde beurteilst und daraus Schlüsse ziehen musst. Super intelligent, beeindruckend oder Vollidiot.

Unsere performative Art und Weise, diese äußeren Schichten aufrechtzuerhalten, uns gut zu verkaufen, um unsere kuratierten Identitäten, die wir sorgfältig zusammenbauen, wie eine Rinde des Baumes zu pflegen, ist der Aufwand, den wir betreiben, um Sichtbarkeit zu erzeugen. Mehr als eine Hülle erzeugen wir allerdings dadurch ebenso, denn: Was wir sagen und tun, beschreibt die Früchte unseres Wesens.

Aber nimm die Früchte mal weg, konzentriere dich nur auf den Baum. Was ist hier wirklich wichtig? Was braucht ein gesunder Baum, um zu wachsen? Welche Inhalte? Welche Zusatzstoffe? Welche Nahrung braucht er? Von welchen toxischen Umweltfaktoren muss der Baum geschützt werden? Müssen wir nicht eher darauf achten, stabile Wurzeln zu bilden, vielleicht auch ein Stück unverfügbar zu sein für die Außenwelt und einen stillen Platz zu suchen, in dem wir gedeihen können, um dann die Früchte unseres Lebens hervorbringen zu können? Welche Grundlage benötigt der Baum, wenn du an seine Frucht denkst? Was bräuchten die Früchte vom idealen Baum, damit sie das hervorbringen, was du wünschst? Was könntest du tun, um seine Wurzeln zu stärken, um so dafür zu sorgen, dass die Früchte, die unweigerlich kommen werden, in Form von dem, wie du in dieser Welt agierst und handelst, Quellen der Kraft sein können und der Umwelt zugutekommen?

Dietrich Bonhoeffer greift das Bild des Baumes in seinem Buch Nachfolge auf — im Kapitel „Die große Scheidung“, als Auslegung von Matthäus 7,15–20, schreibt er: „Jesus sagt uns, daß ein Mensch nicht lange im Schein leben kann. Es kommt die Zeit des Fruchttragens, es kommt die Zeit der Unterscheidung. […] Es hilft dem Baum nichts, ob er nicht Frucht tragen will. Die Frucht kommt von selbst. […] Hier besteht nur die Wirklichkeit, nicht aber der Schein.“

Kein Mensch kann auf Dauer die Resultate seiner Handlungen zurückhalten. Am Ende des Tages ist alles, was wir beide sind, anhand unserer Früchte messbar — also an dem, was wir tatsächlich „hervorbringen“. Deshalb müssen wir darauf achten, was hinter der Rinde ist. Inwieweit kümmern wir uns darum?

Es hilft dann festzustellen, wie die bisherigen Früchte beschaffen waren, um neue Früchte hervorzubringen und diesen Baum zu regenerieren. Bonhoeffer schreibt: „Frucht ist immer das ganz Wunderbare, Gewirkte, sie ist nicht ein Gewolltes, sondern ein Gewachsenes. Wer sie trägt, weiß von ihr so wenig, wie der Baum von seiner Frucht.“

Damit wird deutlich: Die Früchte unseres Wesens werden wie von selbst wunderbar, wenn wir uns um die Beschaffenheit und das Wesen unseres Baumes kümmern und den Rest dem natürlichen Wachstum überlassen. Aufhalten lassen sich die Früchte nicht.