ALL SOULS ARE EQUAL

Über Menschenrechte und eine Metaphysik, die nicht erst beim Menschen anfängt.

Um es vorab zu sagen: ich glaube, dass das nicht geht. Der Mensch ist nicht reduzierbar auf Chemikalien, Biologie oder Sozialisation. Etwas über den Menschen zu sagen, ohne eine klare Aussage dazu zu machen, was der Mensch im Kern ist, führt unweigerlich zum Scheitern. Warum ich das so sehe, hat mit einer Begegnung zu tun.

Ich erinnere mich sehr genau an diese eine Szene eines Morgens, als ich als Siebzehnjähriger irgendwann um fünf Uhr morgens in einer Vorlesung in einem Hare-Krishna-Zentrum in Heidelberg saß und der Mönch vor mir einen Vortrag über die Bhagavad-Gita hielt. Neben mir saß einer der im Tempel-Ashram lebenden Mönche, noch halb schlafbenommen, der gerade erst damit fertig war, seine Meditationsrunden zu singen. Sein Kopf nickte ständig weg, er kaum älter als ich, vermutlich gerade erst seit ein paar Monaten angekommen in seinem neuen Lifestyle. An diesem Morgen passierte allerdings etwas, was für mich ein einschneidendes Erlebnis wurde. Eine Vorlesung mit Erschütterungspotenzial.

Es ging um die Frage, ob wir uns alle als Brüder oder Schwestern begreifen könnten. Der Mönch verneinte diese Aussage. In diesem Raum beispielsweise ist keiner von uns ein Bruder oder eine Schwester, sagte er. Wir sind nicht miteinander verwandt, und auch wenn man möglicherweise über viele verschiedene Ecken irgendwann vielleicht den gleichen Urahn hätte, ist das Konzept doch etwas albern. Was soll mir das bringen? Auch bei den Menschen, die über den Planeten verteilt in unterschiedlichen Kulturen leben – wo soll da die Verwandtschaft sein? Mit diesem Konzept kommt man eigentlich nicht weiter, sagte er, und es würde auch nichts bringen, es heranzuziehen für eine Idee, die irgendetwas mit Gleichheit zu tun hat. Wir sind nicht gleich, wir sind verschieden, und aus der Biologie abgeleitet sogar verschiedener, als wir glauben. Durch unsere individuelle genetische Disposition haben wir vielleicht Ähnlichkeiten, sind doch aber immer unterschiedlich.

Ein Konzept jedoch würde helfen und kann diesen Unterschied machen: indem wir verstehen, dass wir spirituelle Wesensentitäten sind, die alle eine gleiche Quelle haben. Dann könnte man von Gleichheit sprechen, sagte er. Die Seele als das wirkliche einende Prinzip, als das, was uns ewig ausmacht und was uns abseits des Körperkleides eint. Die ewige spirituelle Seele als das, was individuell ist und doch in seiner Qualität nicht nur die Menschen, sondern alle Lebewesen im Kern verbindet – dieses simple Bild machte für mich an diesem Morgen auf einmal Sinn. Der Mönch neben mir nickte, jetzt wacher, und plötzlich wurde mir klar: was für eine wahnsinnige Idee.

Ich musste vor kurzem wieder an dieses Gleichnis denken. Vermutlich auch, weil wir weiterhin weit davon entfernt sind, dass die hehren Ideale, die mit der Erklärung der Menschenrechte 1948 durch die gerade erst frisch gebildeten Vereinten Nationen in die Welt gesetzt wurden, sichtbar würden. Wo gibt es einen Staat oder ein Land, wo diese dreißig Artikel, deren Begründung man damals bewusst offengelassen hat, universalen Anspruch haben und gelten?

An die Worte dieses Mönches musste ich vermutlich auch deswegen denken, weil in dieser so einfachen, aber doch fundamentalen Kernbotschaft die Frage der Menschenwürde von einer anderen Perspektive aus betrachtet wird.

In der westlichen Menschenrechtsperspektive ist ein zentraler Aspekt, vielleicht das entscheidende Unterscheidungsmerkmal, dass das Individuum – welches von den Zwängen befreit wird und gleichzeitig Träger von Rechten wird, so wie es die Philosophin Hannah Arendt beschrieben hat: Der Mensch hat das Recht, Rechte zu haben – Ausgangspunkt aller Betrachtungen ist und zugleich als feststehende Tatsache gilt. Arendt formulierte diese Idee nicht aus dem bequemen Sessel einer vor sich hin theoretisierenden Philosophie, sondern als Mahnung und Aufforderung und vor allem aufgrund ihres eigenen Schicksals als Staatenlose, die vor den Nazis nach Amerika floh. Ein Mensch zu sein, reiche nicht, wenn es nicht mit den Rechten verknüpft ist, die uns Teil einer Gemeinschaft werden lassen. Inwieweit aber ist belegbar, dass Rechte zur Grundausstattung dessen gehören, was mal als Mensch und mal als zivilisiertes, evolutionär entwickeltes Tier bezeichnet wird? Unterm Mikroskop gibt es keine Substanz, welche den Beweis liefert, wenngleich das spezifisch „Menschliche“ wohl den Hauptgrund liefert. Oder besser: liefern soll.

Schnell wird allerdings eine andere Begründung ins Feld geführt, um das möglicherweise zu widerlegen: Warum sollten darüber hinaus bestimmte Menschengruppen mehr inhärente Rechte haben als andere? Manche Vertreter des Transhumanismus oder des Posthumanismus teilen Menschen allerdings sehr selbstverständlich wieder nach Nützlichkeit ein, tun dies selbstbewusst und frech und bekommen außer vom Papst und vereinzelt anderen Humanisten kaum Gegenwind – obgleich alle intuitiv spüren, dass hier ein absolutes Tabu gebrochen wird. Für mich war die Frage nicht nur an jenem Morgen spannend, als ich in dieser Vorlesung saß, sondern sie ist es immer noch: ob eine Begründung von so etwas wie Menschenrechten ohne jegliche Metaphysik (nicht verstanden als Religion oder Übersinnliches sondern: was ist der Mensch im Kern) überhaupt funktioniert.

In der Bhagavad-Gita wird ein entscheidender Vers sehr deutlich, was die Betrachtung der Gleichheit zwischen allen Lebewesen – übrigens auch den Tieren – betrifft. Im fünften Kapitel, Vers 18, heißt es, dass die Weisen mit gleichem Blick den gelehrten Brahmanen, die Kuh, den Elefanten, den Hund und den Hundeesser betrachten. In allem leuchtet der göttliche Funken und macht gleichzeitig jede Art von Diskriminierung dumm und sinnlos.

Dass der Mensch kein Mittel zum Zweck sein darf, findet hier aus meiner Sicht einen noch stärkeren Ausdruck als bei Immanuel Kant, der den Menschen als Selbstzweck bestimmte und damit jede Instrumentalisierung ausschloss. Kein Lebewesen als Träger einer universellen Nichtaustauschbarkeit darf wegoptimiert werden. Anders als Kant, der als Hebel für dieses Verständnis die Vernunft ansah, braucht die spirituelle Ontologie keine Begründung durch den Menschenverstand, welcher durch Argumente überzeugbar wäre – oder auch nicht. Keine Seele darf in die Freiheit der anderen Seele eingreifen, alle Seelen sind gleich. Dieser Gedanke ist weniger banal als gedacht.

Auch wenn man nicht an so etwas wie die Existenz einer Seele „glaubt“, ist der Glaube der Transhumanisten vom Menschen als Rohmaterial ohne irgendetwas Tieferes nicht größenwahnsinnig, sondern eher kleinlich. Das „Menschliche“ ist gerade das Gegenteil von Optimierung, es ist Verletzlichkeit und Erkenntnis von Endlichkeit, die uns wachsen und Grenzen überschreiten lässt. Der Körper ist das Werkzeug der Handlung, mit welcher wir – wie Hannah Arendt es formulieren würde – mit unserem Lebensfaden neue Verbindungen in das Bezugsgewebe der Welt weben.

Zu Ende gedacht sind die eigentlichen Menschenrechte so gesehen Wesensrechte eines nicht leugbaren Wesenskerns, welcher beobachtend ewig anwesend ist und handelt. Ich reise durch ein menschliches Leben von der Kindheit ins Erwachsenenalter und bleibe trotzdem immer ich. Wenn wir, wie es der spirituelle Lehrer Sacinandana Swami in einem Vortrag treffend zusammenfasst, im Grunde genommen Seelen sind, die eine menschliche Erfahrung machen, und nicht Menschen, die spirituelle Erfahrungen machen, dann ist dies ein spannenderer Ausgangspunkt für Fragen der Ethik und der Moral. Wenn ich nicht besser oder schlechter bin als jemand anders, wenn alle Wesen gleich sind in ihrer Qualität, in ihrem Streben, in ihrem Licht – warum dann die Konkurrenz? Warum der Kampf?

Der Systematiker des klassischen Yogas, Patanjali, beschreibt in den Yoga-Sutras bereits von Anfang an die Unterscheidung zwischen Beobachter und Objekt der Beobachtung, aus der Vorstellungen, Identifikationen, Rollen und schließlich die Welt mit Bezeichnungen von Sneakern bis zu politischen Ismen hervorgeht. Der „Mensch“ – Patanjali würde diesen Begriff vermutlich spöttisch als völlig verkürzt kommentieren – ist ein Seiendes, das erst durch die Landung im Jahrmarkt des Lebens plötzlich anfängt, Olaf oder Aisha zu heißen. Wir sind einfach das, was wir sind, wenn man alles abzieht, was abziehbar ist. Daraus ergibt sich wieder eine radikale Idee der Gleichheit, übrigens auch gegenüber Tieren und zu Ende gedacht auch die Überwindung des Speziesismus, also der Diskriminierung von „Tieren“. Weil wir uns so sehr gleichen, gebietet sich absolute Solidarität und Disziplin im Umgang – daher die Yamas und die Niyamas als große Verpflichtung, gewaltlos, achtsam und selbstbegrenzend zu sein. Dies auch unter der klaren Annahme, dass die Illusion, die mich im ewigen Kreislauf der Welt hält, zwangsläufig mit einer Höherstellung meiner selbst gegenüber anderen einhergeht und mich genau dadurch in diesem Kreislauf gefangen hält. Ahimsa, also Gewaltlosigkeit, ist der Hebel, der sowohl mich als auch alle anderen vor Illusion schützt. Der Praktizierende bemüht sich in der stetigen Übung, diese Auswirkungen – die nicht nur mit anderen Menschen, sondern mit der Natur, mit der Schöpfung zu tun haben – immer stärker zurückzufahren, beteiligt sich nicht an der Gier und dem Raffen und dem Ständigen sich beweisen müssen.

Aber auch hier ist die Grundlage die simple Einsicht, dass ich gar nicht besser oder schlechter sein kann – dass Besser und Schlechter, bezogen auf meinen Körper, meinen Status, nichts weiter als illusorische Fata Morganas sind.

An dieser Stelle soll offen erwähnt werden, dass der kulturelle Bezugspunkt der Yogawelt kein Hort der Glückseligkeit war. Wer welches Wissen empfangen durfte, war über Jahrhunderte streng geregelt; Kastendenken und die Ausgrenzung von Frauen gehören zu dieser Geschichte dazu. Es gab immer wieder Bewegungen, die diese Grenzen aufbrachen – die Bhakti-Traditionen, in denen Menschen jeder Herkunft gemeinsam sangen, und im zwanzigsten Jahrhundert die Lehrer, die Frauen und Ausländer unterrichteten. Aber das war Arbeit gegen die eigene Tradition, nicht ihr Selbstverständnis. Und es reicht nicht, sich auf die reine Grundidee zurückzuziehen und den Rest als Betriebsunfall abzutun. Ambedkar, der die indische Verfassung mitschrieb, hielt die Gleichheitsressourcen dieser Tradition am Ende für unzureichend und trat zum Buddhismus über. Das muss man aushalten, wenn man diese Perspektive stark macht.

Ob am Ende nicht eigentlich sowohl Kant als auch die Menschenrechte, dadurch dass sie aus einem westlich geprägten, vermeintlich aufgeklärten Weltbild heraus formuliert wurden, sämtliche Konzepte von „Mensch“ kolonialisiert haben könnten, ist ein berechtigter Diskussionspunkt. Allerdings war die Erklärung der Menschenrechte und ihre Verbreitung kein reines westliches Projekt. Der bedeutende, gelehrte Staatsmann Sarvepalli Radhakrishnan war zwar nicht maßgeblich an der Formulierung der Menschenrechte beteiligt, aber als Vorsitzender des UNESCO-Exekutivrats und späterer Präsident der Generalkonferenz ein zentraler Vertreter dieser Idee, welche er immer wieder auch mit seiner Grundüberzeugung und seiner tiefen Verwurzelung in der Vedanta-Philosophie begründete und dabei an vielen Stellen auf dieses vereinende Prinzip hinwies.

Vom Standpunkt einer ewigen Seele betrachtet kann die Forderung nach Rechten, deren Begründung offen bleibt, ja gerade bedeuten, Verhältnisse zu ermöglichen, die sowohl der Gemeinschaft als auch den Einzelnen Wachstumsräume geben. Eine spirituelle Perspektive steht nicht im Widerspruch zum Recht auf Rechte. Sie erweitert es vielleicht um eine Dimension, die einer universellen Idee von Geschwisterlichkeit näher kommt, als wir es derzeit schaffen. Zumindest wäre es den Versuch wert, dieser Idee des Mönchs Gehör zu verschaffen – auch in den aktuellen Diskussionen um Grenzziehungen, territoriales Anspruchsdenken und schließlich um die Frage der Versöhnung. Ob das ohne jegliche „Metaphysik“ geht, bezweifle ich und denke, dass die Ideen des Mönchs es Wert sind, hier nicht nur mitgedacht sondern ernst genommen zu werden.

Und auch wenn Yoga, Meditation und Achtsamkeit zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und von jedem ethischen Grundgedanken amputiert wurden – und damit den Ideen des Transhumanismus näher stehen als der eigenen Tradition –, gibt es irgendwo immer noch die Gespräche über die Grundideen. Die haben das Potenzial, müde Augen plötzlich zum Leuchten zu bringen.