ENTTÄUSCHUNG OHNE EITELKEIT IST FREIHEIT.

Ein paar Gedanken zu Authentizität und Performanz vs. ehrliche Enttäuschung, mit Alfred Adler laut gedacht.

Im heutigen Diskurs über das Grenzen-Setzen, über Boundaries, wird oft etwas vergessen: Die Grenze hat keinen Selbstzweck. Das Nicht-Gemocht-Werden-Müssen, das Sich-Selbst-Sein, das Enttäuschen versucht manchmal sehr raffiniert, genau das entscheidende Kriterium auszuklammern – jenes Kriterium, an welchem sich Alfred Adler orientiert hat. Gemeinschaftsfähigkeit.

Warum? Die Antihelden-Kronen sitzen auch auf Köpfen, die weit davon entfernt zu sein glauben, eitel zu sein. Und Eitelkeit ist der gefährliche, hinterlistige Gegenspieler, maskiert, verkleidet, in edle Mäntel gekleidet, die wie Panzer nicht nur Gefahren abwehren, sondern einschließen.

Um es einfach runterzubrechen: Für Adler ist die Enttäuschung der Erwartungen anderer Menschen fast unausweichlich mit der Frage der persönlichen Entwicklung verbunden – vor allem mit der Loslösung von den Erwartungen der Familie, welche durch unbewusste Strategien versucht, die eigenen Lebenspläne auf das Kind zu übertragen, und allein deswegen schon enttäuscht werden muss, damit eine eigene Identität überhaupt entwickelt werden kann.

Adler sieht die Ablehnung der elterlichen Autorität als eine Art Reifungsprozess – vor allem, wenn diese auf autoritären Prinzipien basiert, aber, und das ist ebenfalls wichtig, nicht nur. Denn auch subtile Formen indirekter Manipulation – welche nicht laut und starr agieren, sondern über Mechanismen wie Schuldzuweisungen, Grenzübertretungen, Gaslighting, Bevormundung, Anbiederung oder sogar den Versuch, Freund der eigenen Kinder zu werden – können verdeckte Strategien sein, um Kindern dauerhafte Leinen der Loyalität anzulegen. Adler betonte, dass die Lebenslinie des einzelnen Menschen individuell gestaltet werden muss. Eltern müssen draußen bleiben, die Leine muss notfalls durchgebissen werden. Selten gelingt uns das, oft tragen wir diese unsichtbare Leine der Loyalität (der Begriff wurde ursprünglich von dem Familientherapeuten Helm Stierlin als verborgene Strategie der Bindung von Eltern an Kinder geprägt) ein Leben lang und merken nicht, wie wir Enttäuschung und Rebellion nur performen, statt die innere Leine abzulegen.

So wird unsere Rebellion, das Aufbegehren, nicht selten eine Performanz, ein Spiel der Provokation – und das Enttäuschen gleichzeitig auch ein Mittelfinger-Spiel von Eitelkeit.

Nicht jedes Enttäuschen – und schon gar nicht jede Form von Eitelkeit – ist so etwas wie ein persönlicher Entwicklungssprung. Im Gegenteil, es kann auch ein Ausweichen sein, ein Weglaufen, das sich als eine Form vermeintlicher Echtheit verkleidet – die aber eigentlich Feigheit ist.

Wenn man Alfred Adler ernst nimmt, dann geht es in allem darum, sich die Frage zu stellen: Wie kann ich für den anderen hilfreich sein? Weder als performativer Rebell noch als unterwürfiger Sklave – welcher ebenfalls nur ein Mittel zur Überlegenheit werden kann, nämlich dann, wenn er durch berechnende Passivität, reduzierte Kommunikation, gespielte Höflichkeit, absolute Anpassung und falsche Demut das Gegenüber in die Verzweiflung treibt.

Wie weit kann ich in Beziehung zu anderen Menschen nicht ein Mittel zum Zweck sein, sondern – abseits meines ständigen Verlangens, meine Linien in den Sand zu ziehen – ein Gegenüber?

Die Enttäuschung ist genau deshalb wichtig: Sie ist die Aufhebung, das Ende einer Täuschung. Wenn ich verstehe, dass alle meine verborgenen Motive meine Macht sichern müssen; wenn ich einsehe, dass ich am Ende eigentlich nur versuche, anderen Menschen gerecht zu werden, ohne ihnen wirklich eine Hilfe zu sein, und mit diesem Gerechtwerden eher eine Art unsichtbares Gefängnis ohne Fenster baue; wenn ich andererseits durch die Eitelkeit, in welcher Form auch immer, versuche, mich über andere zu stellen – dann ist die Enttäuschung der wahre Ausbruch, der Schein, der endlich zusammenfällt. Jegliche Form von performativem Selbstzweifel, von performativem Nicht-Enttäuschen-Wollen oder umgekehrt von bewusster Enttäuschung, von performativer Zurschaustellung – alles, was wir performen, hört dann auf.

Immer jemand und irgendwas sein müssen – weil ich, wenn ich nichts sein muss, das Gefühl habe, dass ich auch gar nichts bin. Von diesem Nullpunkt heraus krampfhaft versuchen zu schwimmen, aber dabei spüren, dass ich meine Hände nur in der Luft hin- und herwirbele und eigentlich gar nicht am Absaufen bin.

Hab Mut, dich und andere wirklich zu enttäuschen – dich und andere endlich von der Täuschung zu befreien und ins Leben hineinzuwerfen. Adlers Orientierung an der Gemeinschaftsfähigkeit ist für mich kein dummes Einfach-Mitmachen und Klappe-Halten, kein Sich-an-der-Mehrheitsmeinung-Orientieren und innerliches Absaufen, kein Sich-Verleugnen. Die Gemeinschaftsfähigkeit ruft dir zu: Sag mal, was du denkst – deine Gedanken sind wichtig, auch wenn sie traurig, voller Fragezeichen und vielleicht ohne weise Ratschläge sind. Ist egal, ob du „scheiterst“ oder „gewinnst“: Zeig dich, auf dass du in der Vielstimmigkeit zu einer Stimme wirst, die nicht ersetzt werden kann, gleichwertig bleiben darf.