VON TYRANNEN UND SAATGUT

Neulich habe ich mit einer Gruppe von Coachees eine kleine Frühlingsaktion gemacht. Wir haben Erde gekauft, es gab selbst mitgebrachtes Saatgut, und anschließend wurde Gemüse – Tomaten, Radieschen – in die Erde eingepflanzt. Eine schöne Aktion, weil sie mit den ersten Sonnenstrahlen zusammenfiel und durchaus etwas Rituelles hatte. Ich habe halb-scherzhaft die Coachees darüber aufgeklärt, dass wir uns jetzt alle fest vorstellen sollten, wie wir die Saat für unser Leben aussäen. Weil es eben so ist.

Das Interessante war eine andere Erkenntnis, die ich dabei hatte. Wir haben darüber reflektiert, wie die Natur völlig selbstlos ist und uns im Überfluss die Nahrungsgrundlage liefert. Wenn man sich eine Tomate anschaut und überlegt, wie viele potenzielle Tomaten in ihr enthalten sind – allein durch ihre Samen – dann entspricht das so gar nicht dem Prinzip des Kapitalismus. Aha. Soso, sagten einige. Am Ende standen vier Blumenkästen, von meinen nach Arbeit suchenden, sich bewerbenden, mit Ämtern kämpfenden Menschen da.

Die Natur gibt im Überfluss und ich kaufe brav im Supermarkt mit meinem von Lohnarbeit aufgefüllten digitalen Konto meine Nahrungsmittel – und übersehe dabei völlig, dass der eigentliche Kreislauf, die Natur, der Prozess, der das alles ermöglicht, mich im Überfluss versorgen könnte. Das System funktioniert eben nicht nach den Prinzipien, die wir als Menschen etabliert haben. Wir haben Prozesse organisiert, erstaunliche Werkzeuge hervorgebracht, um Natur ökonomischer zu gestalten. 

In gewisser Weise komme ich hier zu dem Konzept zurück, das Hannah Arendt in der Vita activa beschreibt: dass Arbeiten, Herstellen und Handeln in ihrer Qualität unterschiedliche Bedeutung haben. Das reine Arbeiten – das Erhalten, das Umwälzen der natürlichen Prozesse, das Verwerten, das Ausscheiden, das Wiederaufnehmen, nur um den Körper zu erhalten – ist ebenso wenig das Eigentliche wie der nächste Schritt, in welchem Dinge hergestellt, Werkzeuge gebaut werden, die diese Prozesse vereinfachen. Die Natur gibt uns die Mittel dafür im Überfluss, auch wenn der Kapitalismus das gerne ändern würde und beim Saatgut sogar eingreift. Arbeit und Herstellen sind nicht entbehrlich, eher sogar die Grundlage für das, was wir Menschen eigentlich den ganzen Tag tun sollten. Dass der Kapitalismus eine Gemengelage geschaffen hat, in der Nahrungsbeschaffung und ein Platz zum Ausruhen immer mehr zum Luxus wird, zeigt auf die beengte Sicht der Verursacher und nichts weiter.

Erst im Handeln – in dem, was wir Menschen miteinander besprechen, diskutieren, erschaffen, worüber wir streiten – erst das lässt uns hervorstechen. Und gleichzeitig kommt mit dieser Erkenntnis auch die Einsicht, dass auch hier nur ein begrenzter Zeitraum zur Verfügung steht. Denn am Ende sind wir immer auch angewiesen auf diesen Körper, der uns jederzeit seinen Dienst verweigern kann und den Elementen zurückgegeben wird. Trotzdem ist es das Handeln, was uns in diesem kurzen Zeitraum – der im Vergleich zur Ewigkeit nicht mal ein Augenzwinkern ist – hervorstechen lässt. Was uns in unserer ganzen Größe, aber auch in unseren Abgründen zeigt. Was ins Erinnerungsgedächtnis der Welt eingeschrieben wird.

Bei der Aktion war es eigentlich nicht wichtig, was wir manuell durchgeführt haben. Entscheidend war, was wir gemeinsam in diesem Moment reflektiert haben. Wir haben etwas gemeinsam getan, einen neuen Prozess gestartet – auch wenn er ungewiss ist. Hier für einen Moment innegehalten und darüber reflektiert, dass wir eben auch Gestalter sind. Auch wenn es bedeutet, ein aus dem Supermarkt geschafftes Saatgut-Päckchen für 1,10 Euro mit ein bisschen Erde auf einem Hinterhof in einen kleinen Kasten zu kippen.

Am Abend, als ich zu Hause war, durch Nachrichten scrollte und mich meiner Mischung aus Ekel und Faszination beim betrachten bestimmter Schreihälse nicht entziehen konnte, kam ein anderer Gedanke: Wir alle werden irgendwann unsere Körper dort in der Erde enden sehen. Auch diejenigen, die gierig sind, die versuchen, die Welt auszurauben – auch sie werden ihren Körper eines Tages aufgeben müssen. Er wird den Elementen zurückgegeben und landet schließlich selbst in einer Pflanze, die im Überfluss Nahrung produziert. Vielleicht sogar bei einem sozialen Projekt zum Empowerment von hilfsbedürftigen Menschen. Das hattest du dir anders vorgestellt, was?

Aber ist das nicht ein spannendes Bild? Andere zu unterdrücken, nur an materiellen Gewinn zu denken, nur zu raffen – und am Ende seinen Körper dann doch der Natur hergeben müssen. 

Manchmal beruhigt mich dieser Gedanke, gerade wenn ich mir die aktuelle Weltpolitik anschaue, die großen Mäuler, die Alphas, den ganzen Wahnsinn. Am Ende landen hier alle unter der Erde, und der Körper wird wieder zu etwas, das den Überfluss produziert.

Auch du, Tyrann, wirst dich eines Tages nicht verweigern können, wieder in den Prozess des Überflusses eingefügt zu werden.

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