SEI EIN ANFANG

Neulich sah ich wieder so einen von diesen Aufklebern, die mich inspiriert haben. Vielleicht sogar auffordern, sich der Lethargie und diesem um sich greifenden Zynismus nicht hinzugeben?

Small acts of kindness. Kleine Akte der Freundlichkeit, jeden Tag am besten einen davon? Schöne Idee. Angesichts der Weltlage und der berechtigten Frage, ob wirklich kleine Handlungen etwas bewirken können, wenn sich von Macht besoffene, selbsternannte Herrscher über alle Regeln hinwegsetzen und darin übertrumpfen, Raketen abzuwerfen und die Bombardierung von Schulklassen als Kollateralschäden hingenommen wird, stellt man sich wirklich die Frage: Bringt das überhaupt noch was? Was zum Fuck soll eine kleine Handlung bringen, wenn „Wenn wir hier artig Müll sortieren?” wie die Hamburger Punkband But Alive in ihrem Song Ohnmacht textete. 

Ich lasse den Satz trotzdem stehen.

Kleine Akte der Freundlichkeit. 

In diesem Satz steckt doch mehr als nur naiver Optimismus ohne Realitätsbezug.

Die Philosophin Hannah Arendt spricht in ihrem Buch Vita Activa von der Natalität, einer menschlichen Fähigkeit der Gebürtlichkeit, etwas in die Welt zu setzen. Menschen sind sowohl auf der biologischen Ebene in der Lage, neues Leben in die Welt zu befördern, und gleichzeitig sind sie selbst Anfänge. Auch in meinem Buch schreibe ich über das Ankommen in der Welt als eine Art Landung, womit der Anfang für unser Leben gesetzt wird. Vielleicht der erste „act of kindness“?

Was uns als Menschen neben den Dingen ausmacht, die wir tun müssen, um unseren Körper zu erhalten – also das Arbeiten, also das Arbeiten, welches zunächst dem biologischen Erhaltungsprozess dient – Essen, Schlafen, der Körper, der täglich versorgt sein will, und neben dem Herstellen von Gegenständen, die wir verwenden, um zu leben, wie zum Beispiel ein Bett oder ein Küchentisch oder ein Kühlschrank, ist das zweckfreie Tun in der Welt, was immer in Gemeinschaft mit anderen steht, ein Wesensbestandteil dieser Fähigkeit, damit etwas Neues, bisher nicht Dagewesenes, in die Welt zu setzen. Wenn du die Welt wie eine Bühne betrachtest, stelle es dir so vor: Arbeiten hält sie zusammen, reinigt und erhält sie. Das Herstellen entwirft und produziert die Kulissen. Das eigentliche Theaterstück ist die Handlung. 

Was bedeutet das nun mit diesem Sticker, den ich am Anfang erwähnt habe, und dieser fast schon banalen Aussage, dass man trotzdem kleine Akte der Freundlichkeit vollziehen sollte?

Ich denke, dass wir jeden Tag etwas anfangen können. Jede Handlung kann ein Anfang sein von einem Prozess, welcher etwas Neues in die Welt setzt. Ein Vorhaben, mit welchem ich in die Welt trete, obwohl dort nur Chaos herrscht.

Dieses Prinzip der Natalität, der Fähigkeit, etwas Neues zu beginnen, findet sich auch in den philosophischen Texten der Yoga-Philosophie. Als handelnde Wesen, die wir beobachten und entscheiden, verhalten wir uns nicht nur passiv zu unserem Leben.

Selbst einen Gedanken zu denken und ihn vielleicht für einen späteren Zeitpunkt abzuspeichern, um ihn dann aufzuschreiben, ist eine Form von Handlung, ein Bija oder Keim, der sich entfalten wird. Als Handlung wird dieser jetzt in meine geistige Welt gesetzt und sich von dort eines Tages in die Welt manifestieren. Indem wir kleine Akte der Verachtung in die Welt setzen, selbst als kleine Gesten, können wir ebenfalls für unvorhersehbare Effekte sorgen. Wir kennen Geschichten von diesem einen herablassenden Satz, der uns ein Leben lang verfolgt – und umgekehrt das eine ehrliche Wort, das den Unterschied machte.

Hannah Arendt spricht von dem Grundproblem, dass jede Handlung immer unabsehbare Folgen haben kann, wir deswegen verantwortungsvoll handeln und bereit sein müssen zu verzeihen. Verzeihen. Was für ein großes Wort. Ich tue etwas mit den besten Absichten und hoffentlich verzeihen mir die anderen, wenn es doch nicht „perfekt“ wird. Immerhin habe ich mich bemüht, einen guten Anfang zu setzen, ein guter Anfänger oder eine gute Anfängerin zu sein.

Und dann geht es darum, einen Anfang wirklich zu machen, einen kleinen Anfang in die Welt zu setzen, endlich das Vorhaben durchzuführen, sich nicht von dem Zweck-Gedanken treiben zu lassen, nicht etwas zu tun, damit dieses verdammte Ergebnis nach mathematischer Vorkalkulation genau so eintrifft, sondern den Anfang im besten Vertrauen zu setzen – das Schild mit der Absicht in den Boden zu rammen –, damit die kleine Handlung, der kleine Akt der Freundlichkeit etwas in die Welt setzt und unser Gefüge durch eine neue Klammer gefestigt wird.

Hiermit ist offiziell ein Anfang gemacht. Ist das nicht wunderbar – und vielleicht auch ein Aufruf?