So. Eigentlich wäre das doch die entscheidende Aussage, die wir alle sofort abnicken würden: Wir sollten nicht in dieser Welt leben, so wie sie ist. Die Welt sollte anders sein — solidarischer, freundlicher. Und nicht nur die Welt, sondern — und jetzt breche ich es mal ganz konkret runter — vor allem die Schule. Wie komme ich zu diesen Gedanken? Die Brücke schlage ich.
Vor kurzem hörte ich Statements von jungen Menschen, welche die mentale Situation von Schülerinnen und Schülern beklagten und darauf hinwiesen, wie schlecht es der jungen Generation ginge. Immer mehr junge Menschen hätten Suizidgedanken, empfänden keine Glücksmomente mehr bzw. fehle immer öfter in ihrer Biografie jene Glückskurve, die in jungen Jahren sonst besonders hoch ausschlägt, weil man eine Band gründet, weil man abgefahrene Dinge tut, weil man einfach mal direkt geradeheraus unvorhersehbar für Erwachsene viel zu spontan nur fucking jung ist. Wild at heart. Und natürlich trifft dieses Problem den Ort, an dem junge Menschen einen Großteil ihrer Zeit verbringen, besonders: Schule, Ort der Selektion, Bewertung, Herrschaft. Und alle sind ratlos. Zu Recht.
Um jetzt also dieses große Problem in den Griff zu bekommen, werden laut Forderungen von Schülervertreter:innen unter anderem mehr Schulsozialarbeiter:innen und mehr Therapeut:innen gefordert. Die Politik muss endlich reagieren. Kataloge von Vorschlägen, die wirklich beeindruckend sind und zeigen, wie sehr die jungen Menschen genau wissen, was nicht funktioniert, werden formuliert. Psychische Gesundheit muss stärker Bestandteil des Unterrichts werden, Mobbing und Gewalt stärker behandelt werden. Die Lebenswelt der jungen Menschen gehört in den Mittelpunkt. Multiprofessionelle Teams, Beteiligung und so weiter. Mehr Betreuung, Beratung, psychosoziale Infrastruktur, Achtsamkeit vielleicht sogar als Schulfach? — das klingt alles vernünftig, aber ein Stück weit auch so, als ob da jemand eine Rechnung aufmacht, die Verantwortliche selbstverständlich abnicken werden. Das System soll bestehen bleiben, nur mit mehr Unterstützung.
Lassen wir die Zahlen wirklich mal weg, selbst die Statistiken, wie viele junge Menschen psychische Probleme an Schulen haben und wie stark diese angestiegen sind seit Corona oder vor Corona oder nach Corona oder in 100 Jahren oder vor 100 Jahren. Es ist nebensächlich, denn im Grunde geht es um was anderes. Hinter der Forderung nach verbessertem Personal steht auch der Wunsch, dass es weitergeht und weitergehen kann, sogar steil nach oben an die Spitze einer orgastischen Glückskurve. Dickere Sohlen unter deine Schuhe flicken, besser vorbereitet auf die Zukunft. Bildung ist der Schlüssel, eine Ware, die Zugang verschafft. Momentan sieht es eher beschissen aus, wenn KI demnächst Jobs übernehmen wird. Aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass es um den Platz an der Sonne geht.
Richte die Linse auf ein anderes Bild. Hände auf die Straße kleben und sagen: Fick dieses System. Junge Menschen, die sich von selbst vom Bildungssystem entfernen, verabschieden und in den Knast gehen, nachdem sie mit Farbe Wände beschmiert oder sich mit Klebstoff auf eine Straße geklebt haben. Menschen, die doch jede Möglichkeit offen hatten, würden manche vielleicht klagend sagen, anspruchsberechtigte kleine Bratzen — sollen doch einfach dankbar sein.
Und hier wird es für mich jetzt interessant: Wenn die junge Generation im Grunde genommen fordert, dass der Apparat verbessert wird, sich aber prinzipiell nichts ändert — wer sind denn diejenigen, die, um auf das Bild von der Glückskurve zurückzukommen, tatsächlich mal für einen Moment wirklich frei und spontan handeln?
So, und jetzt ganz ernsthaft. Ich wünsche mir, dass die junge Generation hier ganz andere Töne anschlägt — anstatt zu verlangen, dass das System sich ändert, es einfach zu boykottieren, den Laden dichtzumachen, sich den nächsten Jugendclub zu suchen und einfach das eigene Programm durchzuziehen. Ja, Jugendclubs: Fahrradwerkstätten, Reparaturwerkstätten, Kochen, Konzerte veranstalten, Partys machen, Bildungsprozesse organisieren — und zwar selbstständig.
Ich versichere: Jede Tür jedes Jugendclubs wird euch auch schon um 10 Uhr öffnen, auch wenn die Schulen euch dafür eine Sechs geben. Und Sozialpädagog:innen vor Ort sind vielleicht keine Psycholog:innen, aber sie können möglicherweise gut zuhören und eine andere Rückmeldung geben als: Das wirst du nicht schaffen, wenn du diese Note nicht verbesserst.
Komplettes Umdenken. Die psychische Krise der jungen Menschen kann nicht mehr geheilt werden durch einen prozentualen Zuwachs an so-und-so vielen Stellen mit der Hoffnung, dass dadurch die psychische Belastung um so-und-so viel Prozent zurückgeht. Vielleicht funktioniert das in der Chemie so, aber wir können nicht einfach glauben, dass wir bei der versalzenen Suppe einfach mehr Zucker reinkippen und dann wird das wieder. Auch wenn es nicht diskutiert werden müsste, dass eine angemessene Form von Betreuung vorhanden sein müsste, dass es jederzeit möglich sein müsste, Menschen anzusprechen: wenn das System sich nicht ändert, dann muss Schulpsychologie und Sozialpädagogik die Schule mit ihrer von Grund auf anderen Haltung mindestens infiltrieren. Alles andere ist der verzweifelte Versuch, ein Auto mit ganz viel Tesafilm zu flicken — es wird niemals halten und irgendwann immer wieder zusammenbrechen.
Ich fand dieses Plakat damals auf den Fridays-for-Future-Demos sehr bewegend: Was nützt mir mein Abitur, wenn die Welt morgen sowieso untergeht? Dahinter stand eine Portion Wut. Natürlich gab es Häme von den Erwachsenen, geht mal zur Schule, du verwöhnte Göre, und so. Heute könnte man sagen: Was nützen mir mehr Schulpsychologie und Sozialpädagogik, überhaupt Bildung und Schulabschluss, wenn wir demnächst in einen dritten Weltkrieg gezogen werden?
In diesem Sinne möchte ich meinen Boomer-Rant als leidenschaftliches Dazwischenfunken verstanden wissen und dem Studentenvertreter Mario Savio beipflichten, der es in Berkeley bei den Studentenunruhen 1964 einmal auf den Punkt gebracht hat:
Wenn es so schlimm wird, dass es nicht mehr auszuhalten ist, dann muss man sich auf diese Maschine stellen und sie zum Stillstand bringen.