Wie viele soziale Kontakte benötigen wir, um glücklich oder besser: nicht einsam zu sein? Was macht da überhaupt glücklich, die Quantität oder die Qualität? Das ist eine spannende Frage, aber bevor ich weiter darüber nachdenke, erinnere ich mich an einen Videocall mit meinen ehemaligen Bandkollegen, von denen ich einige schon knapp zwanzig Jahre nicht mehr gesehen hatte. Das war spannend.
Wir sprachen über Shows, die wir gemeinsam in Jugendzentren kreuz und quer durch Europa gespielt haben, über die schlimmsten Pennplätze, darüber, zum Waschen in Schwimmbäder zu gehen, auf der Autobahn im Ausland von Polizisten angehalten zu werden und erst gegen Schmiergeld wieder entlassen zu werden – und so weiter und so weiter. Auf engstem Raum alles teilen und sprichwörtlich eine Gang sein. Jede Entbehrung war es wert, gemeinsam mit den „Kids“ und für die „Kids“ alles zu geben. An diesen Erinnerungen zehren wir vermutlich alle, sprechen es vielleicht nicht direkt aus, aber fühlen, wir haben etwas Besonderes gemeinsam gemacht. Einsamkeit spürte ich in dieser Zeit selten, eher war ich froh, wenn ich nach längeren Touren wieder meine Privatsphäre hatte und nicht mit 15 Leuten in einem Bus auf einer Pritsche geschlafen habe. Trotzdem will ich diese Zeit nicht missen.
Der Soziologe Hartmut Rosa versucht in seinem Buch über Resonanz der Frage nachzugehen, was wir Menschen brauchen, um mit uns selbst zufrieden zu sein und zugleich mit der Welt da draußen in einen intensiven und befriedigenden Kontakt zu treten. Seine Resonanztheorie geht davon aus, dass der Mensch das In-Verbindung-Treten, die Schwingung, die zwischen uns und etwas außerhalb von uns entstehen kann, nicht zwangsläufig nur im Kontakt oder Austausch mit realen Menschen erfährt. Wir können auch mit einer Idee, mit einer Tätigkeit oder mit etwas, das uns bewegt und in Schwingung bringt, in Kontakt treten. Aber gerade im gemeinsamen Handeln in der Welt, das in Beziehung mit anderen Menschen geschieht und über Zweckmäßigkeit hinausgeht, entsteht ein Gefühl von Verbindung.
Wir können allerdings nicht permanent von einem Vereinstreffen zum nächsten hopsen, um unsere sozialen Kontakte aufrechtzuerhalten, wie eine Art Checkliste abzuarbeiten und uns im Kalender selbst zu vergegenwärtigen, dass wir doch alle Kriterien erfüllt haben und möglichst viele soziale Kontakte aufgebaut und Projekte realisiert haben. Denn all das bedeutet nicht automatisch inneres Glück oder Zufriedenheit.
An dieser Stelle kommt noch ein anderer Gedanke.
Als die Corona-Pandemie voll einschlug und soziale Kontakte plötzlich drastisch reduziert werden mussten, ging es vielen Menschen nicht nur sehr schlecht, sondern es gab plötzlich keine Möglichkeit mehr für gemeinsames Handeln, für Musikbands, Kunst, Kultur und so weiter. Und es ist an dieser Stelle absolut nicht wegzudiskutieren, dass dieses Ereignis langfristig Schaden hinterlassen hat und viele Menschen in eine tiefe Isolation gestürzt sind.
Ich glaube allerdings, dass es an diesem Punkt entscheidend war, dass Menschen begonnen haben, für sich andere innere Resonanzräume zu entdecken und auf anderen Ebenen diesen Mangel zumindest teilweise auszugleichen. Für mich war diese Zeit geprägt von innerer Kontemplation und wichtigen Routinen, die ich mir aufgebaut habe und die mir geholfen haben, in einem Alltag, in dem es zeitweise auch keine Arbeit gab, dennoch ein Gefühl von Verbindung zu entwickeln: das Gefühl, mit etwas in Kontakt zu sein, das mich zufrieden gemacht hat. Zu dieser Zeit hatte ich, wie auch schon davor, einen kleinen Altar in meiner Wohnung, auf dem die Statuen von Krishna und Radharani sowie anderen wichtigen Deities standen, die ich täglich ein wenig verehrt habe. Ich bin kein Vorbild-Verehrer, der den ganzen Morgen mit ausführlichen Zeremonien verbringt. Trotzdem war dieser Resonanz-Knotenpunkt in meinen eigenen vier Wänden für mich ein innerer Kontaktpunkt, der – zusammen mit dem, was ich täglich getan habe: Bücher hören, meist beim Kochen, gelegentlich mit Menschen telefonieren – im Nachhinein nicht das Gefühl hinterlassen hat, vollständig verloren gewesen zu sein. Aber: Wäre ich zur Pandemie zwanzig Jahre alt und eigentlich gerade dabei, mit meiner Musik die Jugendclubs Europas in Schwingung zu bringen und auf einmal die Notbremse zu spüren, würde ich vermutlich anders darüber sprechen.
Was will ich sagen?
Ich glaube, dass es mehr gibt als Zahlen, Quoten oder ein mechanistisches Konzept nach dem Motto: Wenn wir so und so viele Kontakte haben, steigern wir unser Glücksgefühl um diesen oder jenen Faktor und fühlen uns dann weniger einsam. Wäre das so, dann wären die Menschen, mit denen wir Zeit verbringen, wie Puppen, die den Raum um uns auffüllen. Die Frage ist immer: Was ist eigentlich die Qualität dieser Beziehungen? Worum soll es in ihnen gehen? Womit treten wir gemeinsam in Kontakt? Ist es die intensive Beschäftigung mit unseren jeweiligen Lebensaufgaben, die wir miteinander reflektieren, unsere Liebe für eine gemeinsame Sache, oder suchen wir nur Zerstreuung und jemanden zum Zeittotschlagen?
Was schenken wir uns in den wenigen Momenten, die wir gemeinsam verbringen können, vielleicht bei einem Kaffee im Monat oder diesem Videocall alle drei Wochen?
Die Gefahr besteht, zu glauben, dass wir mit vielen WhatsApp-Chats und Verabredungen ein gutes Leben führen. Allein sein zu können und auch hier gut zu leben, ist nicht nur eine Notlösung, sondern wichtig. Wer das nicht kann, ist ein hilfloses Opfer seiner Angst und Futter für Menschen, die diese Angst als Nahrung für ihre Selbsterhöhung nutzen.
Als wir unseren Videocall übrigens beendeten, überlegten wir kurz, was für uns eigentlich entscheidend war in unserer Bandgeschichte, und merkten schnell: Jenseits von Professionalität und vielleicht aus heutiger Sicht Klicks und Likes war die Tatsache wichtig, dass wir alle eine Leidenschaft für eine Art von Musik hatten und das Beherrschen des Instruments nur eine logische Konsequenz war. Die Qualität der Beziehung spielte eine Rolle.
Vielleicht ist das genau das Notwendige für die Strecken, die wir – wie das Leben eben spielt – allein zurücklegen müssen. Qualität statt Quantität.