Der Moment war schockierend, und eigentlich hatte ich bis dahin gedacht, dass mit mir alles in Ordnung wäre. Ich erinnere mich, dass ich immer mal wieder darauf angesprochen wurde, dass mein Blutdruck zu hoch sei, aber der Arzt kommentierte das nie weiter. Dann, irgendwann, passierte es.
Ich stand also morgens auf und merkte auf einmal ein Schwindelgefühl. Hochroter Kopf und das Gefühl, dass mir gerade der Boden unter den Füßen entzogen wird. Ich dachte, es liegt am Wetterumschwung, an meiner Wetterfühligkeit, wie ich es mir selbst immer erklärte. Dann wiederholten sich diese Zustände, bis ich eines Tages auf dem Weg von meiner neuen Arbeitsstelle in der U-Bahn-Station stand, mein Kopf rot anlief und ich das Schwindelgefühl wieder spürte. Diesmal heftiger. Ich bewegte mich etwas vom Bahnsteig weg und stützte mich mit meinem Arm an der Wand ab. Was, wenn ich jetzt ohnmächtig werde? Ich versuchte zu atmen, langsam. Schließlich wurde es besser, ich schaffte es in die Bahn, zu meiner Haustür und legte mich ins Bett. Was, wenn das der Vorbote von einem Herzinfarkt war? Beim Arzt wurde klar: Ich habe massiv zu hohen Blutdruck. Als Grenzwert gilt eine Zahl von 140, was bedeutet, dass der Druck auf den Gefäßen jetzt schon dauerhaft unter Spannung ist. Mein Wert lag bei 180 – was auf lange Sicht dazu führt, dass die Organe überlastet werden und die Gefahr eines Herzinfarktes besteht.
Das Schlimme ist, dass ich einsehen musste: Mein Körper belügt mich nicht. Mein inneres Grübeln, meine ruhelosen Nächte, in denen ich nicht einschlafen kann, das permanente Frustriertsein, das Unglücklichsein über die aktuelle Jobsituation, der Stress, Konflikte – all das hat reale Reaktionen auf den Körper. Der Arzt erklärte mir, dass dieser geistige Stress den Blutdruck beeinflusst. Dass es sogar so weit gehen kann, dass schon das Nachdenken über Stress den Wert in die Höhe treibt. So musste ich mir eingestehen, dass ich ein Problem habe und dass mein Körper mir gerade sagt, mal kurz auf mich zu schauen und zu fragen, was da gerade los ist.
Hannah Arendt beschreibt in ihrem Buch Vita Activa, dass der Mensch das einzige Wesen ist, das sich selbst ein Gefängnis bauen kann. Sie meint, dass der Mensch durch seine Fixierung auf Ergebnisse, Rationalität und die Planung des Lebens, durch die Erkundung der Welt im Sinne einer Ressource, sich eine Welt schafft, in die er sich am Ende selbst einsperrt – weil er der Logik und der Schnelligkeit dieser Welt unterliegt. Faszinierend, wenn man sich klarmacht, dass der Mensch wirklich das einzige Lebewesen ist, das sich selbst ein Gefängnis baut, in das es sich dann einsperrt. Das Hamsterrad und die Knechtschaft der Notwendigkeit – also immer auf der Flucht zu sein und dem Leben hinterherzuhetzen – sind deswegen ein Gefängnis, weil der Mensch sich eine Art technologischen Panzer zulegt, ein Gehäuse, in das er sich einschließt, um in dieser hergestellten Welt überleben zu können. Unser Smartphone als Rhythmusgeber des Lebens. Im ewigen Kreislauf zwischen Konsumieren und Arbeiten geht darüber hinaus die Menschlichkeit verloren – genauer: die Fähigkeit des spontanen Handelns. Die Zweck-Mittel-Logik ist Symptom unserer Gesellschaft. Alles muss irgendwie Sinn machen, verwertbar sein, passen und in den Takt eingefügt werden. Gleichzeitig gibt es diese von allen abgenickte Gewissheit, dass nur beweisbar und messbar Dimensionen sind, denen wir vertrauen, was bedeutet, dass nur ich existiere und mein Leben steuern muss. Eine Subjektivität, die uns gefangen hält, weil wir im Grunde nichts von dem, was da draußen passiert, als real anerkennen können, außer es ist belegbar. Die Weltentfremdung macht uns schlussendlich zu einem behaving animal, das funktioniert, aber den Mut verloren hat, im Handeln – und zwar im spontanen Handeln – neue Anfänge zu setzen und sich einem anderen Rhythmus hinzugeben.
Der buddhistische Lehrer Chögyam Trungpa beschreibt in Spirituellen Materialismus durchschneiden die Tatsache, dass das Ego vor allem einen Trick anwendet, um uns in diesem Hustle zu behalten: Wir müssen alles verkrampft ernst nehmen. Jeder Fehler wird bestraft. Die Humorlosigkeit, die daraus folgt – also die Unfähigkeit, über diese im Grunde völlig banale Situation zu lachen und dieses Gefängnis als das zu betrachten, was es ist, nämlich eine Fiktion – macht uns zu einer Art lebender Leiche. Wir machen alles zu einem großen, schwierigen Thema.
An dieser Stelle ist klar: Die Tatsache, dass ich meine Miete bezahlen muss, weiterhin arbeitsfähig bleiben muss, um meine Einkäufe tätigen zu können, und gleichzeitig die Tatsache anzuerkennen, dass mir mein Lohn von anderer Stelle überwiesen wird – das ist eine Bedingung, die ich mir nicht ausgedacht habe und die ich nicht als banal betrachten kann. Beim zwanghaften Streben, jemand sein zu wollen – und zwar jemand Wichtiges –, übersehen wir aber die Tatsache, dass niemand gewinnt, dass am Ende dieser Rat Race alle zerfetzt werden.
Hoher Blutdruck, mangelnde Energie, verschwendete Lebenszeit für einen Traum, der sich nicht erfüllt. Aus der Vogelperspektive betrachtet sind diese Kämpfe, die wir täglich austragen, banal, unsere Identifikationen mit Status vergleichbar mit der Auseinandersetzung zweier Ameisen über einen Brotkrümel.
Dass nicht alle dauerhaft mit einem zu schnell pumpenden Herzen und einer verkürzten Lebensdauer aus diesem ohnehin schon einseitigen Spiel um Brotkrümel aussteigen müssen, sondern stattdessen friedlich zusammenleben und in Ruhe schlafen können, wäre die eigentlich spannende Frage.
Ich habe mir vorgenommen, dass ich meine Signale jetzt sehr ernst nehme und gewisse Lebensveränderungen vornehmen werde. Vermutlich bedeutet das am Ende auch weniger Arbeit, weniger Geld. Aber da bleibt mir dann wohl nichts anderes übrig, wenn ich mir die Frage stelle, ob ich leben will – oder ob ich eines Tages in der U-Bahn-Station einfach zusammenbreche. Statistisch wäre das kein Big Deal. Für mich ist klar, dass das Tempo ruhiger werden muss und ich mein Körperfahrzeug auch langsamer an sein Ziel bringe. Das muss ich mir am Ende wert sein.