Wenn alles verwertbar ist, stellt sich die Frage, was da noch authentisch ist. Diese Frage stelle ich mir vor allem, wenn ich Berichte lese oder mir Profile von Menschen anschaue, die sich im Netz einer paradoxen Doppelbewegung hingeben. Einerseits versuchen sie, Authentizität zu spiegeln, andererseits mit hochprofessionalisierter Sichtbarkeit, mit perfekt inszenierten Fotografien Authentizität zu verkaufen. Spannend ist die Art und Weise, wie inszeniert wird. Sowohl auf der provokativen Ebene als auch auf der Seite der sogenannten Sinnfluencer. Also Rüpel, die mit Provokationen und lauten Gesten um sich schießen und dabei nebenbei Millionen-Followerschaften anziehen. Oder diejenigen, die versuchen, durch besonders bewusste Achtsamkeitsinszenierungen ebenfalls der Aufmerksamkeitsökonomie und der Verwertung von weichen Währungen wie Likes und Kommentaren hinterherzulaufen. All the same.
Der Soziologe Andreas Reckwitz beschreibt in seinem Buch Die Gesellschaft der Singularitäten das Phänomen, dass Menschen in der Spätmoderne einem Zwang unterliegen, ganz du selbst zu sein – aber in jedem Fall auch sein zu müssen. Es gibt keinen Ausweg.
Das verlangt zwei Bewegungen von uns: Zum einen die Innenorientierung, also das, was wir Selbstverwirklichung nennen, das Streben danach, in uns hineinzuschauen und uns mit uns selbst zu beschäftigen, womit auch die immer stärker werdenden psychologischen Termini gemeint sind, die mittlerweile Alltagssprache geworden sind, wie Triggern oder das berühmte Trauma. Andererseits eine Außenorientierung, also der Fokus auf Sichtbarkeit. Sich verkaufen und interessant machen. Was zu einer Performance von angeblicher Authentizität mutiert. Jede Reaktion im Netz gibt uns eine Bestätigung. Unsere perfekt kuratierte Authentizitätsleinwand, die – auch wenn sie selbst amateurhaft wirken soll – in Wirklichkeit perfekt durchdacht ist, zwingt uns dazu, uns permanent mit dem Außen zu beschäftigen.
Zwei Beispiele dazu. Nehmen wir eine Influencerin oder einen Influencer, besser gesagt: einen bzw. eine Sinnfluencer:in. Hier geht es ganz stark darum, in einem gut kuratierten Social-Media-Kanal die eigene Geschichte der Sinnkrise zu beschreiben, die anschließend zu einer Entscheidung führt, das Leben komplett zu ändern, einen neuen Lebensstil anzunehmen oder einen großen Bruch zu vollziehen. Den Job in der Werbeagentur, der Marketingabteilung oder der PR-Jobhölle zu kündigen und sich mit einem Wohnwagen auf die Reise zu begeben. Ehemalige Verkäuferinnen bei LIDL oder Reinigungskräfte finden sich hier übrigens selten. Wer kann sich eine einjährige Reise in einem Wohnwagen überhaupt leisten? Diejenigen, die von vornherein schon ein gewisses Grundkapital haben.
Hier wird also eine Geschichte erzählt, und diese Geschichte soll nach außen hin Mut machen. Viele Menschen fühlen sich angesprochen, die Reichweite steigt, und mit der Reichweite kommen immer mehr Möglichkeiten und auch der Zwang, besseren Content zu liefern. Schöne Fotos, inszeniert, möglicherweise sogar professionell von einem Fotografen geschossen, die im Hintergrund aber eigentlich die Story verkaufen sollen, dass du der Meister deines Lebens bist und dass deine Sinnsuche jetzt deine Aufgabe ist. Die Innenorientierung muss mit dem Schauen nach außen, dem Schau-mich-an, gekoppelt werden. Das Selbstfinden als Content. Und zwar immer und überall.
Ein anderes Beispiel. Ein Musiker oder eine Musikerin, egal welches Genre. Viel Provokation, krasse Bilder, krasse Sprache, direkt, laut. Videos werden perfekt inszeniert, und auch hier geht es darum, die Reichweite immer mehr zu steigern. Millionen Follower, und auch hier eine Geschichte, die im Hintergrund erzählt wird: Befreiung, Authentizität, Ehrlichkeit, kein Political Correctness, ich sage alles direkt heraus in die Fresse. Auch hier das Innenleben, das von innen nach außen gewendet wird, auch hier die Authentizitätsökonomie, die schließlich auch von größeren Strukturen wahrgenommen wird und somit die Chancen auf die großen Bühnen und in die großen Stadien öffnet. Direkte Sprache, vereinnahmt und zu Geld gemacht.
Inszenierte Provokation oder Sinnsuche. Am Ende geht es darum, dass die Zahlen steigen, die Verwertung läuft, das Kapital akkumuliert wird. Die Botschaft geht so heraus: Auch du darfst so sein, du musst es nur wollen. Besser kann sich Neoliberalismus eigentlich nicht verbreiten.
Warum ist das alles so wichtig? Warum, denke ich, sollte es einen Grund haben, darüber zu sprechen?
Ich glaube, dass viele junge Menschen nach wie vor danach suchen, ein echtes Leben zu führen. Wenn allerdings die Verwertbarkeit der eigenen Geschichte immer mitgedacht wird, wenn gleichzeitig immer mit überlegt wird, inwieweit das einen Nutzen für mich hat, inwieweit es einem Zweck dient – vielleicht würde Hannah Arendt es so formulieren –, dann sind wir nicht frei in unserem Handeln, sondern in der Verwertungslogik gefangen.
Zwei Seiten der gleichen Medaille: sowohl bei der inszenierten Sinnsuche als auch bei der inszenierten Provokation – beides spielt sich auf dem Feld der Aufmerksamkeitsökonomie ab. Beides ist für den Kapitalismus gut verwertbar und wird – da müssen wir uns sicher sein – irgendwann vereinnahmt und zurückverkauft.
Vielleicht wäre am Ende das, was der Soziologe Hartmut Rosa Unverfügbarkeit nennt, ein geschickter Weg weg von der Bühne. Eine schmale Treppe am Rand, auf der wir uns einfach mal in unser Backstage verpissen könnten, um dann wirklich in Ruhe wir selbst sein zu können.