Ein paar Gedanken zur aktuellen Diskussion rund um Männergewalt gegen Frauen und zum konkreten Anlass: den Deepfake-Pornos, nachdem der Fall von Colin Fernandes gerade öffentlich wurde.
Da sind Forderungen nach klarer Positionierung, nach Solidarität, und die Ansage in Richtung Männer, dass Männer jetzt Verantwortung übernehmen müssen. Reflexhafte Gegenkommentare, Sippenhaft, war er es, war er es nicht? Was sagen jetzt seine besten Freunde, (die jahrelang mit ihm in Abfallformaten die Masse unterhalten haben – lassen wir mal beiseite).
Das System reagiert vorhersehbar.
Dazu ein paar Punkte, die mir wichtig sind und vielleicht als kleine Störung gedacht.
Die Unsicherheit von Frauen im öffentlichen Raum, und nicht nur dort, sondern auch in den eigenen vier Wänden, ist eindeutig, und die Statistiken können hier nicht belogen werden. 2024 wurden in Deutschland 171.069 Opfer von Partnerschaftsgewalt registriert, rund 80 Prozent davon weiblich, und unter den Tatverdächtigen sind Männer mit 77,7 Prozent deutlich überrepräsentiert (BKA, Bundeslagebild Häusliche Gewalt 2024, November 2025). 132 Frauen wurden im selben Jahr durch ihren Partner oder Ex-Partner getötet, gegenüber 24 Männern. Häusliche Gewalt insgesamt erreichte 2024 mit 265.942 Betroffenen einen neuen Höchststand, 70,4 Prozent davon weiblich (ebd.). Und das ist nur das, was angezeigt wird: Die Anzeigequote liegt bei Partnerschaftsgewalt unter fünf Prozent – die reale Zahl ist also um ein Vielfaches höher (Dunkelfeldstudie LeSuBiA, BKA/BMBFSFJ/BMI, Februar 2026).
Dazu kommt: 90 Prozent der jungen Frauen haben starke bis extreme Angst, wenn sie nachts unbekannten Männern begegnen (Institut für Generationenforschung, Jugendtrendstudie 2025). Natürlich gibt es auch andere Fälle – aber die Mehrheit der Gewalt geht von Männern aus. Keine Meinung, Zahlen. Ich kenne keine Frau, die mir nicht bestätigen würde, dass sie schon mal Situationen hatte, in denen sie nachts Angst hatte, draußen unterwegs zu sein. Ich kenne auch – und das war vor vielen Jahren eine sehr krasse Erfahrung – die Geschichte, dass fast alle Frauen davon berichten, dass sie sich, wenn sie alleine auf dem Rückweg sind, gegenseitig anrufen, um zu bestätigen, dass sie heil zu Hause angekommen sind.
Das empfundene Unsicherheitsgefühl ist eindeutig, und Deepfakes bringen das Ganze auf eine weitere, verstörendere Ebene.
Weiterer Punkt: Wir haben solche Vollidioten wie diesen Manosphere-Influencer Andrew Tate. Und viele Leute, die das überraschenderweise super gut finden.
Das Alpha-Thema ist nicht neu und verbreitet. Tradierte Rollenbilder bei der Generation Z wurden zuletzt über eine Umfrage zumindest in den Raum gestellt (Ipsos-Umfrage), wobei die Kritik berechtigt war, dass diese Umfrage keine belastbare Studie ist und keine eindeutigen Belege liefert, dass die komplette Generation Z auf dem Traditionstrip ist. Allerdings ist für mich ein aktuelles Ergebnis trotzdem sehr eindeutig: die hohe Zahl der jungen Menschen, die die AfD wählt.
Das verstärkt den Eindruck, dass viele junge Boys da draußen sich in der Rolle relativ wohlfühlen. Leider gibt es auch viele Väter, die das unterstützen, die ihre Jungs auf dem Fußballplatz anfeuern und die es nicht so gerne haben, wenn der Junge ein Schlappschwanz ist oder sogar schwul wird.
Aber zurück zu der Gruppe, um die es gerade geht – den Frauen und der Diskussion.
Es gibt Vorwürfe von Vorverurteilungen, Sippenhaft aller Männer, Vergeltung. Beweislast. Aber wer am Ende der Schuldige ist, spielt aus meiner Sicht gar keine Rolle mehr, es ist sogar völlig egal, weil es am Thema vorbeigeht. Die Wahrnehmung der Frauen ist so, wie sie ist – dass sie sich regelmäßig im öffentlichen Raum sexuellen Übergriffen aussetzen müssen, dass sie dumm angequatscht, dumm vollgelabert werden, dass ich immer Angst habe, wenn meine Freundin nachts vom Tanzen zurückkommt und im Taxi sitzt, weil ich auch dann Angst habe, dass irgendwelche dummen Sprüche kommen. Und jetzt noch schlimmer: Dass ein Arschloch aus Fotos und Stimmmaterial Pornos macht und andere sich in ihrem Kämmerlein darauf einen wichsen, während der Urheber darauf wichst, dass er jetzt Macht hat, und trotzdem brav sein Doppelleben weiterlebt. Dass das eine Realität ist in unserer modernen Gesellschaft, im Jahr 2026 – Jahre nach der sexuellen Revolution, nach Alice Schwarzer, nach meiner Hippie-Elternerziehung und Vaterfiguren mit langen Bärten und Gitarren in der Hand, die Lieder über die Freiheit gesungen haben.
2026. Wir sind an dem Punkt, an dem selbstverliebte Arschlöcher die Welt regieren, Bomben abwerfen und sich fast in der gleichen Taktung über Frauen verächtlich äußern. Wir haben einen Vollidioten als Influencer, der kürzlich in einem Reel sagte, dass er Bücher scheiße findet und lieber nur ficken und schnelle Motorboote fahren will. Der von Leuten beklatscht und bejubelt wird. Wobei sein letzter Boxkampf weniger gut für ihn ausging.
Ich finde es banal zu sagen, dass ich auf „eurer“ Seite stehe. Vielleicht stimmt es auch, dass ich mich schuldig gemacht habe, dass ich hier nicht einfach sofort bei jeder der Entgleisungen reagiert habe. Kontakte zu Männerrunden, Stammtischen und dem ganzen Rotz vermeide ich. Trotzdem weiß ich, dass es diese Geschichten gibt, und leider regelmäßig, immer wieder – dass diese ganze Scheiße vom Auf-den-Arsch-Klatschen und „die wollen das“ und „Nein heißt ja“ oder andere Andeutungen dazu jeden Tag überall wiederholt werden. Mir fehlt schlicht und einfach der Respekt vor Männern die sowas von sich geben, weil es Schwäche ist. Weil sie keinerlei inneren Kompass haben, keinen Zugang zu sich selber, keine Interessen, keine Neugier, sich konsequent jeglicher innerer Arbeit verweigern, keine Güte, kein Mitgefühl entwickeln – sich in ihren Grüppchen mit der Pulle in der Hand am Freitagabend in der S-Bahn und diesem verächtlichen Lachen von KZ-Aufsehern für mich nichts anbieten. Lemminge, mit Macht ausgestattet und dumm und skrupellos genug, um ihre innere Stummheit auf andere zu pissen.
„Ich konnte nicht anders.“ „Da ist dieser Fetisch in mir, ist mir irgendwie peinlich.“ „Sie wollte es doch. Was soll ich tun, wenn ich einen Ständer kriege, will ich ficken, ach halt’s Maul. Greif ihr in die Möse.“
Das ist abartig.
Was wäre also nun konkret zu tun, was kann ich tun? Darum geht es. Überall dort, wo wir zusammenkommen, kann ich bei der Arbeit klar dazwischengrätschen.
Eine mindeste Konsequenz wäre, das Thema aus der Welt in den Klassenraum zu holen. Auch wenn Väter zuhause ihren Selbsthass und ihre selbstverschuldete Unmündigkeit in das alte Motto übersetzen – was dich nicht umbringt, macht dich stärker – und den Jungen damit kaputtmachen, gibt es Freiräume, wo Jungen vor diesem Zugriff geschützt sind. Empathie und Selbstschulung, Coaching im Umgang mit Gefühlen und lernen, dass Streiten auch Liebe ist, wenn das auf Augenhöhe geschieht, könnte ein Gegengift sein, das Schule direkt und kostenlos zur Verfügung stellen muss. Das alleine wird nichts mehr ändern bei Mr. Tate und dem Eisberg aus Kotze, auf dem er steht. Belehren lassen sich Männer noch weniger, wenn sie eh schon nicht wirklich viel in sich tragen und sich sogar lustig machen über Bücher. Meine Hoffnung ist zumindest als Pädagoge die Arbeit mit jungen Menschen. Der Rest muss vermutlich durch den dritten oder vierten Boxkampf und wird sich selbst im hohen Alter nie wirklich verändert haben. Das beweisen die Greise ja gerade deutlich.
Kurz zuhören, das Reiz-Reaktionsschema stoppen, innehalten, nachdenken, mal kurz nichts beweisen müssen und nicht ständig die eigene Eitelkeit pflegen. Liebe und Gefühle verstehen, auch Wut in einer Partnerschaft aushalten und andere nicht als Mittel zum Zweck betrachten. Was wäre, wenn das mal der Keim der Veränderung werden könnte?
Wenn das alles zu kompliziert war, breche ich es auch nochmal runter: Ich muss niemals abends, wenn ich nach Hause komme, meinen Freundinnen versichern, dass ich heil angekommen bin. Ich muss keine Angst davor haben, dass jemand meine Bilder verwendet, um daraus Deepfake Pornos zu machen. Das ist der Unterschied und es ist mein Privileg.