SCHATTEN & GOLD

Ich kann mich erinnern an diese Geräusche, das Heulen, was sich anhörte wie ein Wolf oder ein Hund, der eingesperrt war. Manchmal hörte ich es plötzlich nachts in der Wohnung unter mir, wenn mein Nachbar, ein älterer alleinstehender Mann, in seinem Zimmer saß und er dieses Heulen von sich gab, etwas mal weinerlich, dann wieder schreiend explodierte und schließlich abklang. Dazwischen ein Fluchen gegen diese verdammte Welt, diese Schweine — und dann irgendwann: Ruhe.

Wir kamen uns nie wirklich näher. Ich weiß noch, dass ich eines Tages diese lauten Schläge hörte, die anscheinend mit einer Rohrzange oder einem Hammer auf die Heizungsrohre getätigt wurden. Da unsere Heizungsrohre miteinander verbunden waren, hörte ich diesen Schlag in voller Lautstärke. Bam bam Bam. Ich ging zu ihm runter und fragte, was der Grund dafür sei, worauf er wütend antwortete, dass ich nicht so laut in meiner Wohnung rumlaufen sollte. Es folgten mehrfach Wiederholungen dieses Musters, bis ich irgendwann eindringlich erklärte, dass es jetzt reicht — und daraufhin auch die Schläge auf die Heizungsrohre aufhörten. Das Jaulen und das Heulen hörte ich allerdings immer wieder.

Dieser Mann war einsam. Er war unfreundlich, er war verschlossen, ein unflätiger Unhold wie meine Nachbarin sagte, aber am Ende für mich wie ein eingeschlossenes Tier, das die Welt anheulte.

Carl Gustav Jung ist der Psychoanalytiker, der sich intensiv mit der Frage beschäftigt hat, was passiert, wenn wir unsere verborgenen, dunklen Anteile nicht integrieren und diesen inneren Stürmen nicht stellen. Er beschreibt die Verdrängung und Unterdrückung als Auslöser für unkontrollierbare Reaktionen — diese Wut auf das Leben, eine Verachtung, eine Frustration. Der Schatten ist dann wie eine dunkle Macht. Je heller wir versuchen, ein Licht vor uns zu halten, desto größer der Schatten hinter uns. Die Energie der Unterdrückung ist gleichzeitig das Energiepotenzial für die Eigendynamik des Schattens, welcher irgendwann die Kontrolle übernimmt. Ich stellte mir vor, was da unten in dem Wolf vor sich ging, welche tiefen Verletzungen und Frustrationen dieser durchlebt hat, vielleicht auch die Wut, verlassen worden zu sein von dieser beschissenen Welt und der Frau, die ihn nicht mehr aushalten konnte — und wie sehr diese Frustrationen sein ganzes Wesen prägten, bis jegliche Freundlichkeit abhandengekommen war. Wenn ich mich selbst nicht mehr aushalten kann und nur vordergründig eine Fassade aufrechterhalte, die sozial von mir gefordert wird, dann ist es eine Frage der Zeit, bis das, was ich wirklich in mir fühle, sich in den Vordergrund drängt. Dabei werde ich gleichzeitig das Opfer dieser vordergründigen Wut, da ich ihr nicht auf den Grund gehe — und dort vielleicht sogar in der Dunkelheit etwas finde, was mich zutiefst ausmacht.

Einer der ersten Schüler von Jung, der Amerikaner Robert A. Johnson, beschreibt, wie wir in diesem Schatten nicht nur Dunkelheit und Negativität finden, sondern auch Schätze oder die Teile unserer Persönlichkeit, die wichtig sind, vielleicht einfach nur unkultiviert, unbearbeitet, ungeschliffen darauf warten, endlich angeschaut und integriert zu werden. Gerade die abstrakten Skulpturen in unserem Kellergebäude sind doch die interessantesten Objekte, solche, die keine glatte Oberfläche haben oder keine perfekten Konturen aufweisen, aber doch etwas aussagen über uns. Und so sehr wir uns in der Kultur auch darum bemühen, Emotionen wie Wut und Aggression als animalische, minderwertige Emotionen darzustellen — sie enthalten doch häufig eine große Kraft. Dass Musik, die hart ist, eben nicht nur zerstörerisch wird, sondern so etwas wie Ekstase hervorruft, widerspricht dem Bild, dass alles, was nicht rosarot und brav ist, automatisch schlecht sein muss. Die Frage der Kanalisierung ist entscheidend: Wohin lenke ich diese Energie, was tue ich mit ihr, wie kann ich mit ihr in einen Dialog treten — mit mir, mit den Menschen.

Jung stellt in seinem Werk „Über die Psychologie des Unbewussten“ fest, dass gerade die lebendigen Formen tiefen Schatten benötigen, um plastisch zu erscheinen. Andernfalls bleiben wir ohne die Integration der eigenen Dunkelheit zweidimensionale Phantome wie mehr oder weniger wohlerzogene, angepasste Kinder. Dass sich ein “erwachsenes” Kind in Ekstase betrinkt, um dann vielleicht endlich mal wie ein Wolf heulen zu dürfen, irgendwas zu spüren, ist vielleicht wie ein stiller Protest gegen diese innere gefühlte Zweidimensionalität die gleichzeitig Ausdruck einer ebenso zweidimensionalen Welt ist, in der wir in Rollen und Zuschreibungen verharren.

Es gibt also Hoffnung. Heilung ist nur durch Integration möglich. Indem wir uns dem Schatten zuwenden, keine Angst mehr davor haben und dort möglicherweise sogar Schätze heben, die uns helfen, diese Teile, die wir nie anschauen wollten, endlich in unser Leben zu integrieren. In der Verbindung von dunklen und hellen Anteilen erst wird so etwas wie eine vollständige Person möglich. 

Ich denke oft an diesen Menschen unter mir und seine „Signale“, die er ausgesendet hat –  um vielleicht wenigstens in seiner Wut überhaupt noch gehört zu werden. Vielleicht hat er eines Tages den Blick nach hinten geworfen, seinen Schatten angenommen und das verletzte Tier in sich geheilt.