NICHT KLEIN

Eine Sache, die ich bei Punkrock gelernt habe, ist, dass ich mich nicht klein fühlen muss. Für niemanden und nix. Eine der wichtigsten Lektionen. Eine, die sich bis jetzt immer wieder in den Vordergrund meines geistigen Feldes drängt, wenn ich entweder mein Alter auf meinem Ausweis sehe oder meine nicht ganz saubere Biografie, meinen von häufigen Wechseln, Brüchen und leeren Stellen gezeichneten Lebenslauf betrachte und dann einen Blick in die Zukunft werfe, während ich noch eine dieser kleinmachenden E-Mails bekomme, wieder merke, wie wenig ich angeblich schaffe, es mir in der Gründlichkeit mangelt trotz täglicher Beziehungssparrings und Gesprächen unter der Haut, ich doch irgendwie immer das Gefühl bekomme, dass ich nur ein kleines Rad in einem großen Gefüge bin, in einer anonymisierten, zunehmend technisierten und von Marktprinzipien dominierten sozialpädagogischen Arbeitswelt bin, in der schmissige Papiertiger mir erklären, wie die Welt funktioniert.

Manchmal komme ich nach Hause und denke: Was kann ich überhaupt ausrichten? Bin ich eine kleine Wurst?

Ein wichtiger Teil meines Prozesses, dieses Buch zu schreiben, war, diesen Prozess selbst als etwas zu begreifen, das mich aus genau diesem Gefühl herausholt – und mir gleichzeitig die Möglichkeit gibt, aus diesem Gedankenchaos herauszutreten. Denn jeder von uns kann eine Sache tun: etwas aufschreiben. Dafür braucht es keine Erlaubnis, keine teuren Arbeitsgeräte und nicht einmal viel Geld. Alles, was du brauchst, ist ein Blatt Papier und einen Stift.

Die Philosophin Hannah Arendt beschreibt in ihrem Buch Vita Activa drei wichtige Merkmale, die im Zusammenleben auf dieser Welt eine Bedeutung haben. Das Arbeiten ist das einfache Erhalten, also das, was einfach nur dazu dient, damit wir diesen Körper erhalten. Das soll ich übrigens gerade arbeitslosen Menschen wieder näherbringen, sie an den Arbeitsmarkt heranführen mit irgendwelchen Spielchen, auf die ich keine Lust habe, und stattdessen einfach mit ihnen über interessante Dinge spreche. Hier geht es oft um Müssen, eigentlich geht es für viele schon das ganze Leben darum: immer alles ständig müssen.

Das Herstellen dient dazu, die Welt aufzubauen und die Geräte zu erschaffen, die dann aber die eigentlich entscheidende Fähigkeit erlauben sollen, nämlich das Handeln.

Arbeiten und Herstellen sind zweckgebunden, dienen immer zu etwas, sind Nutzen und Rationalität unterworfen. Das Handeln ist etwas, was einfach geschieht, indem wir in dieser Welt mit anderen Menschen über Dinge nachdenken, Pläne schmieden, in Kontakt treten, ohne dass zwangsläufig etwas dabei „Großes“, „Greifbares“ entstehen muss. Für mich ist dieser Gedanke sehr beruhigend, weil er mich gleichzeitig auch davon befreit, dass alles immer einem Zweck dienen muss. Und besonders groß sein muss. Denn im Handeln bin ich automatisch nicht mehr klein.

Das will ich noch genauer erklären: Auch dieses Buch hat streng genommen keinen großen Zweck. Ob ich davon 20 Kopien verkaufe oder 200 oder vielleicht nur 2, spielt keine Rolle, denn ich habe etwas in die Welt gesetzt. Also bin ich nicht mehr klein. Ich habe eine Spur hinterlassen. Denn eine Spur in die Welt zu setzen kann bedeuten, dass du einen Text aufschreibst, etwas von deinem Kopf auf ein Blatt Papier bringst, es gewissermaßen dir vorführst und vergegenwärtigst. Es wird dann etwas in die Welt geboren, das nie mehr zurückgenommen werden kann.

Ich erinnere mich an Geschichten von Punks während der DDR-Zeit, die Texte auf ein Blatt Papier geschrieben haben und sie danach verbrennen mussten, weil die Gefahr bestand, dass diese Texte bei der Durchsuchung durch Stasi-Polizisten entdeckt werden könnten. Die Manifestierung der Gedanken war so wichtig und so bedeutsam, dass gleichzeitig eine Gefahr von ihnen ausging.

Damit wurden sie nicht klein, sie haben sich zusammengetan, haben gehandelt und dabei etwas in die Welt gebracht, auch wenn es weder große Reichweite noch Qualität hatte. Die Texte konnten übrigens nie vollständig vernichtet werden, wurden wieder aufgeschrieben und am Ende in die Welt gebracht. Das machte die Punks nicht klein.

Klein werden wir durch Systeme gemacht, vielleicht lassen wir uns ein Stück weit auch klein machen durch unsere vorauseilende Unterwürfigkeit. Unter deinen oder meinen Umständen gibt es möglicherweise keinen großen Spielraum, mich groß zu machen, weil ich gerade abhängig bin vom regelmäßigen Geldfluss aus diesem System. Trotzdem ist das hier eine Art Ermutigung, sich nicht klein zu fühlen und sich nicht an den Maßstäben einer verkorksten Welt orientieren zu müssen. Auch wenn sie dich äußerlich glauben, unter Kontrolle zu haben. Sie können dich nicht klein machen. Wenn du dich wirklich zeigst, hast du gewonnen. Keine Gehaltsabrechnungen, keine Ermahnungen, Zeugnisse, Bewertungen können einen Wert festlegen. Sie versuchen es mit mir schon mein ganzes Leben, und auch jetzt habe ich wieder gewonnen.

Deshalb: kein Kleinfühlen mehr.