Was bedeutet pädagogische Haltung für mich? Eine Reflexion über meine Zeit an der alternativpädagogischen Glocksee Schule in Hannover
Eine Szene: Henning war irgendwie mein Lieblingslehrer. Einmal ging einer meiner Mitschüler zu ihm, nachdem wir irgendwelche Texte in Geschichte abliefern sollten. Seit kurzem gab es nun auch Noten an der Glocksee Schule, was relativ neu war und für alle Beteiligten eine Umstellung. Wir, die Schüler :innen eher “notengeil”, die Lehrerschaft eher das Gegenteil. Davor gab es noch ausführliche, teils sehr persönliche Bewertungen zu unserer Mitarbeit im letzten Jahr, was die Lehrer garantiert eine Ewigkeit an Aufwand kostete, aber sei es drum. So war das an der Glocksee. Was sagt eine dumme Zahl schon über einen Menschen aus . “Henning, ich will endlich mal ’ne 2 kriegen für meine letzte Arbeit, verdammt ey. Gib mir jetzt endlich auch mal eine verfickte Zwei!” Da nimmt Henning einen Zettel, schreibt eine 2 darauf und gibt ihm den Zettel. “ Hier, haste deine 2”. Lacht ihn etwas hämisch an und damit hatte sich das dann erledigt. Ich könnte unzählige solcher Szenen aufschreiben, wenn ich nur ein Gehirn wie ein Tonband hätte oder in der Lage wäre, die Aufzeichnungen aus meinem Unterbewussten anzapfen. Bilder verschwimmen, flackern zu unzusammenhängenden Momenten auf.
Eine ganz besondere Erfahrung machten wir mit dem Element Feuer. Einmal brannte es in der Glocksee Schule sogar. Einen Tag davor trat die Gruppe EXTRABREIT mit HURRA HURRA DIE SChULE BRENNT in einer Sendung auf, wo einige Gründer und Schüler:innen der Glocksee im Studio auf Matratzen lagen und über die Glocksee SChule mit viel Zigarettenqualm philosophierten. Am nächsten Tag brannte die Schule dann wirklich.
Mit dem Feuer machen hatten wir in der Glocksee Schule wie gesagt so unsere Erfahrungen. Ein Sandkasten der eigentlich zum “Spielen” gedacht war nicht selten garniert mit abgekohlten Holzstücken von alten oder vermutlich zweckentfremdeten Stühlen, mit denen dann gegen 9 Uhr erstmal Feuer gemacht wurde. Das Papier “besorgten” wir uns aus dem Kopierraum, nachdem wir uns aus dem Sekretariat oder von einem “Lehrer” (Ich setze diese Rollenbezeichnung in Anführungszeichen, weil das bei Henning, Ferdi, Claudi, Barbara, irgendwie komisch klingt) die Schlüssel geklaut hatten. Das brannte erfahrungsgemäß gut, schönes weißes Papier in Massen im Kopierraum gebunkert, um damit zu malen oder sonst was Schönes zu machen. Feuer, das machte dagegen richtig Bock. Ob die Faszination, was mit dem skurrilsten aller Filme für einen 8-jährigen “Am Anfang war, das Feuer” von Jean-Jacques Annaud zu tun hatte, den wir gefühlt 10-mal über die Leinwand in der Aula über den alten Filmprojektor geschaut haben – die Rolle ist irgendwann, soweit ich mich erinnere sogar verbrannt, als das Projektor einfach stehen blieb – keinen blassen Schimmer. Sobald ich die Schule betrat, war ich in einer teils chaotischen, wabernden, niemals langweiligen Parallelwelt zwischen Wahnsinn und Kuscheln, während irgendwo im Klassenraum eine Traube von Kindern um meinen Lieblingslehrer Ferdi saß, während der Kokain von Hannes Wader mit uns sang. Den Text kann ich heute deswegen immer noch. Ob ich deswegen später in einer Punkrockband Sänger wurde? Sehr möglich.
Kein Gefühl für Zeit. Wie auch? Einen Pausengong gab es nicht, ebenso wie irgendeine Taktung. Morgens gab es die Klassenversammlung und danach war freie Einteilung. Texträtsel machen oder Fußball spielen, Kickern im Flur oder in den Musikraum, Lärm machen. Sicher, irgendwann pendelte sich das Ganze in Blöcke von Zeiten ein, wo wir dann auch mal am Stück ins Fotolabor gingen. Aber ansonsten: Wir waren frei.
Als ich bei dem fünfzigjährigen Jubiläum über den Glocksee Hof ging und mit einigen früheren Schülern, einige bald Ende 50, sprach, war das Resümee nicht unbedingt positiv.
”Was ist mit …, kommt die heute?” “Kannste vergessen, die hat keinen Bock auf die Schule”. Verletzende Erfahrungen mit Mobbing und körperlicher Gewalt – das gab es leider auch in der antiautoritären Schulblase, und zwar nicht selten. Die Grundidee, Kinder ihre Konflikte, welche immer auch Spiegel gesellschaftlichen Konflikte in der kapitalistischen Gesellschaft waren, selbstreguliert austragen zu lassen und sich nicht immer einzumischen, führte nicht oft auch dazu, dass die Hackordnung weniger zugunsten der Akademikerkinder ging und die Arbeiterkinder einfach das umsetzen, was sie in ihrem sozialen Randgebiet nicht anders kannten. Ich persönlich habe immer noch die starke Vermutung, dass meine Nase etwas verzogen ist, weil ein Mitschüler diese Konflikte mit mir im Wochentakt durcharbeiten musste. Irgendwann ging ich in den Judoverein, um mich wehren zu können, aber da war mein zärtlicher Unhold schon weg. Sozialpädagogisch nicht darauf vorbereitete Lehrkräfte mit hohen Idealen trafen nicht selten auf, man würde heute sagen, verwahrloste Kinder.
Namen werde ich an dieser Stelle nicht nennen, aber bestimmte Namen wecken Assoziationen, auch nach fast 40 Jahren bei den Erstschülern. Ein Wurfmesser fliegt eines Morgens 3 Zentimeter neben dem Gesicht auf eine Tür. Später versuchte sich, soweit ich mich erinnere, der Schüler aus dem Fenster zu werfen. Alles live miterlebt. Das Feuer der Wut, der verwahrlosten Nicht-Erziehung oder vielleicht einfach nur nicht diagnostizierter psychischer Traumata entzündete sich bei bestimmten Charakteren nicht selten und so kam es, dass der Teil dieser Schülerschaft mehr und mehr die Schule verließ oder vermutlich freundlich dazu gedrängt wurde, bis man dann immer mehr “unter sich war.” Das klingt etwas gemein, aber im Rückblick war das, auch durch meine spätere Reflexion im Pädagogik-Studium mit ehemaligen Weggefährten der Glocksee Schule ein wenig das Résumé. Sehr lange durfte man mich auch nicht auf dieses Experiment ansprechen, ohne einen schnippischen Kommentar von mir zu diesem “scheinheiligen Sozialexperiment” zu bekommen. Dieses Bild verstärkte sich auch durch meine realen Erlebnisse später als Workshopleiter als Honorarkraft in der Glocksee und dann aber vor allem ganz später in der Jugendsozialarbeit mit gewöhnlichen Jugendlichen, die nicht in diesen Genuss einer elitären reformpädagogischen Schulsozialisation gekommen waren, sondern sich irgendwie durchbeißen mussten und auch feine jungen Menschen wurden, oft sogar empathischer und sozialer als ich das teilweise bei meinen Mitschüler:Innen in Erinnerung hatte.
Es gab aber auch andere Erlebnisse. Vor allem gab es etwas, was mich vor allem nach der Jubiläumsfeier, als ich wieder im Zug nach Berlin saß, ganz plötzlich zu Tränen rührte.
Da war neben all dem pädagogisch “unprofessionellem” Verhalten, all dem Improvisieren ein festes Zutrauen in uns als Kinder.
Ja. Man traute uns zu, dass wir Dinge irgendwie schaffen konnten, dass wir in der Lage waren, Probleme selbstständig zu lösen, dass wir in der Lage waren, Entscheidungen, wie wir unsere Zeit gestalten wollten, zu fällen, auch mit dem Risiko, dass es nicht so klappte, wie das in den Lehrplänen vielleicht vorgesehen war. Dass wir es aushalten konnten, solch schockierende Filme wie “The Day After” im zarten Alter von 7 oder Acht Jahren zu schauen, dass wir Konflikte auch unter Lehrkräften aushalten konnten.
Es konnte schon mal passieren, dass unser Meerschweinchen in der Mikrowelle auftauchte. Oder sich spontan dazu verabredet wurde, nackt auf die Straße zu gehen und die Nachbarn zu erschrecken. Nicht belastbare PraktikantInnen hatten es dabei ebenfalls ganz schwer. Es gab, das muss wiederholt werden, zahlreiche Fälle von Mobbing, weniger subtile Formen, eher offen und mit einer im Werkraum umgebauten Spielzeugpistole oder dem Geruch von Stinkbomben ausgestaltetes artiges Mobbing. Einige trugen von diesen Verletzungen möglicherweise größere Narben, als sich das damals die Verantwortlichen ausmalen konnten. Rassismus war ebenfalls traurigerweise zwar keine Regel in der Glocksee Blase, existierte aber und entlud sich gelegentlich an den wenigen Schüler:innen mit “Migrationshintergrund”, die es an der Schule gab (Der Anteil dürfte heute immer noch niedrig sein.) Bodyshaming? Ich kenne einige Fälle und erinnere mich an Situationen von gemobbten Mädchen in meiner Klasse, die regelmäßig als “Fette Sau” beschimpft wurden. Hackordnungen und Boshaftigkeiten oder mangelnde klare Haltungen auch von der laissez faire Elternschaft, die eben auch nicht zwangsläufig zu besseren Eltern wurden, nur weil sie ihre Kinder in der Glockee-Schule abgaben.
Rückblickend war all das allerdings nicht – davon bin ich überzeugt – Ausdruck eines repressiven Schulbiotops mit zynischen Lehrkräften, sondern einfach Ergebnis von eben diesen vielleicht etwas naiven, aber gutgemeintem Zutrauen. Man glaubte an das Gute in uns, aber musste dann irgendwann auch einsehen, dass Regeln und Verbindlichkeiten eingefordert werden wollten.
Der Unterricht als Herzstück meiner Schulzeit war, na ja, besonders. Aus heutiger Sicht würde jeder der damaligen Pädagoginnen und Pädagogen wohl komplett bei Prüfungen mit den heutigen Kriterienkatalogen von minutengenau durchgeplanten und voraussagbaren zu erwartenden oder besser: zu antizipierenden Kompetenzen, durchfallen. War aber auch egal. Viel wichtiger war die Improvisation und die Flexibilität, die immer unter Beweis gestellt werden musste. Und wenn dann so etwas wie der Golfkrieg ausbrach, ja dann war erstmal nichts mehr mit “Unterricht” bzw. hieß Unterricht dann Antikriegsplakate malen und ab auf die Demo. Das machten andere Schulen damals auch, bei uns waren die Lehrkräfte als ehemalige “Spontis” aber stets auf diese Ernstfälle innerlich irgendwie immer vorbereitet, allzeit bereit, schien es mir. Wenn es keine solchen dramatischen welthistorischen Ereignisse gab, dann wurde auf die Lage der Bananenbauern in Lateinamerika hingewiesen und dann standen wir auch schon im Dritte-Welt-Laden und kauften Bananen auf Kommission, um diese zu verkaufen und das Geld anschließend zu spenden. “Unser Kampf bedeutet Frieden.” summte da bestimmt das eine oder andere Mal zufrieden mein Lehrer Ferdi in sich hinein. Überhaupt war viel politisch. Neben der Schule auf Anti AKW Demos mitgeschleppt zu werden, war selbstverständlich. Auch die Eltern trauten uns was zu.
Ganz besondere Erinnerungen habe ich auch an die Schule-Schlafen-Aktionen. Was für ein Ereignis. Das ganze Schulgebäude verwandelte sich nach Schulschluss, als Ruhe einkehrte, plötzlich in einen ganz anderen Ort. Mit Taschenlampen erkundeten wir um Dunkeln die letzten Winkel der anderen Klassenräume oder spielten in der Turnhalle Knutschpacken (ein wirklich dummes Spiel, sorry), bis wir dann irgendwann auf den Sportmatten einschliefen. So eigneten wir Kinder uns den Raum “Schule” mal ganz anders an.
Später als Jugendlicher wurde es anders. Mit der allgemeinen gesellschaftlichen Ernüchterung nach dem Fall der Mauer über die Auflösung der alten Feindbilder ernüchterte sich auch an der privaten Front einiges in den Familien, die die letzten Reste der Hippiewelt hinter sich lassen mussten. Ich ging immer mehr meine eigenen Wege, hatte wenig Freude am Unterricht und musste meine häusliche Situation irgendwie verarbeiten, durch Punkmusik und Skateboard fahren und einer gewissen Tendenz zur Verweigerung von allem. Das führte zu typischen renitenten Verhalten, kleinen und größeren Exzessen bereits im zarten Alter von 13 oder 14 Jahren und zum Teil auch wütende Lehrkräfte über mein Verhalten. Aber was machten die? Sie kämpften um mich. In Zeugnisberichten, die mich noch heute zum Heulen bringen, wurden mir meine vielen tollen Fähigkeiten vorgehalten und was ich eigentlich alles kann. Dafür mussten Claudia und Barbara viel Zeit nach dem Unterricht abends geopfert haben. Die Lehrkräfte ließen nicht locker, ohne dabei herablassend oder gar belehrend gegenüber meiner Mutter zu werden, immer versuchten Sie, durch Eindringlichkeit gepaart mit Empathie Positives zu bewirken. Durch fast 10 Jahre gemeinsam verbrachter Klassengemeinschaft und heute würde man sagen, enger Beziehungsarbeit schafften Sie es dann auch. Henning rüttelte mich eines Tages wie mein Vater das hätte eigentlich tun müssen und machte mir klar: Kneif die Arschbacken zusammen, Junge. Hör auf mit dem Scheiß. Und das tat ich dann auch. Mit Geduld und gutem Zureden wurden meine Noten besser und ich hatte wieder Freude am Lernen. Heute bin ich ihm und vielen anderen an der Schule für diesen kontinuierlichen beherzten Einsatz ewig dankbar.
Ich werde in diesem Jahr Fünfzig und betätige mich nun schon seit fast 25 Jahren im sozialpädagogischen Bereich. Seit zehn Jahren lebe ich in Berlin und leitete hier unter anderem ein Jugendzentrum in Lichtenberg oder arbeitete in der Ausbildung von angehenden Erzieherinnen und Erziehern. Vor kurzem war ich für ein Jahr an einem Berliner Oberstufenzentrum als Lernbegleiter in einem Projekt mit Jugendlichen ohne besonders gute Schulsozialisation tätig. Eine zum Teil nicht immer leichte Aufgabe, jungen Menschen gut zureden und sie mit ihren Stärken und Ressourcen vertraut zu machen. Der zum Teil zynische Umgang einigen überforderten Lehrkräften mit diesem “Klientel” schockierte mich dann aber sehr. “Aus dir wird doch nichts.” Das sagte ein Lehrer wirklich sinngemäß. Und er meinte es so, nicht als Ausrutscher, sondern als Haltung gegenüber den Jugendlichen, als Ergebnis von Frust und Mangel an Selbstreflexion und vielleicht der dummen Einsicht, dass der Lehrerberuf eher wegen der guten Bezahlung oder der Sicherheit der passenden Tätigkeit als Lagerarbeiter vorgezogen wurde. Im Gegensatz zu den Erlebnissen an der Glocksee und der beschriebenen Naivität einiger Lehrkräfte in vielen Konfliktsituationen, schallte aus diesem Kollegen einfach die gesamte kulminierte Verachtung für junge Menschen heraus. Ich habe sofort eine Beschwerde geschrieben und wusste, dass ich hier so schnell wie möglich wegmusste. Und mich auch wegen meiner Glocksee-Sozialisation daran erinnerte, Haltung zu zeigen.
Mein Blick auf meine Glocksee-Schulzeit ist nicht nur aufgrund von Altersmilde heute versöhnlicher. Meine Offenheit, Neugier und inneres Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten und den Willen, mich einzubringen in dieser verkorksten Welt, den Mund aufzumachen, meine Meinung zu sagen, all das habe ich aus meiner Schulzeit mitgenommen. Und eine deutliche kritischere Haltung gegenüber dem failed System Schule in Deutschland gewonnen, einem in den Ruin getriebenes, von Kurzsichtigkeit, kurzfristigen Denken und Verantwortungslosigkeit dominierten System, welches nicht erst in der Coronazeit bewiesen hat, wie wenig wert ihm gerade die eh schon Abgehängten sind. Stattdessen herrscht hier weiter der Notendruck, Schule ist auch nach Corona ein Ort, der weiter angstbesetzt ist und der Druck wächst nach wie vor, irgendwie mithalten zu können in dem Wettrennen um den besten PISA Wert. Was soll so ein System anderes hervorbringen als mit Mitte 50 ausgebrannte, resignierte Lehrkräfte, Alkoholiker oder Zyniker, mal ganz provokativ gefragt? Glücklich, wer nicht so endet.
Nun versucht man, mit Zahlenbeispielen die Misere greifbarer zu machen und meint, eine Lösung parat zu haben. Vierzehntausend Lehrkräfte fehlen bundesweit und wenn die da sind, sollte alles wieder top sein. Wird das Problem gelöst, wenn wir diese Lücken geschlossen haben? Wie steht es mit der Haltung dieser vierzehntausend Menschen und der Reflexion ihrer Schulsozialisationen oder ihrer verborgenen Motive? Wird dann wirklich alles besser mit den massenhaften Stellenbesetzungen? Zudem müssen die erstmal durch den Fleischwolf namens Referendariat, wo vielen der Glaube an ihren Instinkt und die persönliche Wirksamkeit im Machtgefälle opfern müssen oder einem dieser autistischen Vollblutdidaktier irgendwie nach dem Mund plappern werden müssen, um ja durch diese Prüfung zu kommen. Ich finde die Idee absurd, dass mit massenhaften Neueinstellungen alles besser werden würde.
Die Diskussion um die Bildungsmisere wird zwar offen geführt, es kann auch niemand mehr ein schöneres Wort dafür benutzen, aber so richtig in die Tiefe will niemand gehen. Was ist der Grund für die Bildungsmisere, für die schlechten Noten, die nur Ausdruck und Symptom sind? Ich bin kein Bildungsexperte, nur ein Rädchen im Getriebe, aber ich bin mir sicher, dass Bestandsdenken weiter das Handeln im Hintergrund lenken und dafür sorgen wird, dass die Dinge eher so bleiben wie sie jetzt sind. Dass die Glocksee Schule mal von erzkonservativen CDU-Politikern gefördert wurde, darf man heute eigentlich gar nicht zu laut sagen.
Welche großen Ideen haben wir heute, wenn es um Bildung und Bildungsbegriffe geht? Was ist der Kern der Sache? Es gibt keine Sicherheiten, was DAS beste und funktionierende Schulsystem oder der beste Unterricht sein könnte, die pädagogische Arbeit ist immer eine Angelegenheit des Scheiterns und jenseits perfekt durchgeplanter Exceltabellen. Mein Lernen offenbarte sich in Situationen, entfernt von der eigentlichen Unterrichtssitzung, vielleicht in einem Proberaum, vielleicht dann, wenn ich eine kreative Lösung finden musste in einer Krise, einen Text schreiben musste für ein neues Musikstück, Entscheidungen von Tragweite treffen musste wie zum Beispiel bei meiner ersten Wahl als Volljähriger und irgendwie immer erwachsener wurde. Unterricht i n der Glocksee-Schule war immer eine Versuchsanordnung mit viel Raum für Flexibilität und nicht bis in den letzten Winkel durch pädagogisiert. Schule zu steuern ist immer noch der Traum von den Didaktikern, die alles in kleine durchgetaktete Schritte zerlegen wollen. Ich hatte diese Lehrer nicht. Es gab ein Problem, es musste irgendwie gelöst werden, manchmal wurde das Problem sogar größer, dafür gab es einen neuen Versuch. Wie im richtigen Leben. Fail better.
Ja, später, als der Druck größer wurde, wollten wir alle nur noch diese Zahlen auf dem Papier sehen, welche irgendetwas über uns aussagen sollten. Dass das etwas kaputt machte, uns vielleicht gefälliger machte für Arschkriecherei, für ein klein wenig Opportunismus, könnte durchaus sein. Ich war bis vor kurzem selbst noch Dozent an einer Fachschule für angehende Erzieher:Innen und erinnerte mich hier wieder leidvoll an dieses ewige Fiasko. Eigentlich ein netter Job, viel individuelle Zeit für mich zum Vorbereiten von Unterricht und Raum zum Diskutieren. Aber auch meine Studierenden wollten diese verdammte Zahl auf ihrem Zettel haben, wie auch das gesamte System es von Ihnen einforderte. Eine erwachsene Frau stand irgendwann mal vor mir mit Tränen in den Augen wegen einer Drei auf dem Zeugnis. Kann man die Fähigkeit, kritisch gegenüber Diskriminierungen zu sein und für eine gerechtere Welt einzustehen, “Diversität und Inklusion zu fördern”, wirklich in kleine Lernhappen zerteilen, um daraus eine überprüfbare und bewertbare Größe zu machen, wie das die Frau vom Senat wollte, die mir die Lehrerlaubnis, vermutlich wegen meiner stillen Uneinsichtigkeit, nicht erteilt hat? Auch deshalb bin ich mir mittlerweile klar, dass ich in einem solchen System nicht arbeiten kann. Wer mich hier versaut hat? Dürfte mittlerweile klar sein.
Ich hoffe, dass diejenigen, die das lesen, die Verletzungen davon getragen haben, die nach wie vor traumatische Erlebnisse in sich tragen, trotzdem nicht vergessen: Wir wären Pfeile, die in die Welt geschossen wurden. Von Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen, die sich vielleicht auch wegen Ihrer gebrochenen Biografien, der eigenen Abarbeitung an deren Elterngeneration, trauen mussten, mal etwas anderes zu probieren und vielleicht auch einmal gescheitert sind, nicht alles richtig gemacht haben. Für mich steht die Glocksee-Schule trotz aller Widersprüche und dem eher größeren Anteil an Menschen mit mehr kulturellem Kapital als der Rest der Gesellschaft trotzdem für das beste, was mir passieren konnte. Und ich denke, dass es weiter Sinn macht, an dieser Idee zu arbeiten und sie weiterzuentwickeln.
Für mich weiß ich jedenfalls, dass ich die kommenden 15, vielleicht 16 Berufsjahre, die mir jetzt noch bleiben, wieder etwas mehr füllen will mit einem gewissen revolutionären, antiautoritären Geist aus meiner Glocksee-Zeit, mit Jugendlichen frei von Zensur und Zahlen mal wieder ins Träumen kommen möchte um über Horizonte und Möglichkeiten zu fantasieren.
Einmal kam jemand und sagte, ich will unbedingt eine Zwei haben, gib mir endlich mal eine zwei. Dann bekam einen Zettel in die Hand, auf dem viel mehr stand. Zum Beispiel, wie man ein Feuer entzündet.